Diese autobiografischen Notizen sind entstanden in Vorbereitung auf ein Wochenendseminar (20.-22. April 2007 in Worpswede), das als Grundlage diente für das von Cordt Schnibben und Irmela Hannover herausgegebene Buch:
„I can’t get no - Ein paar 68er treffen sich wieder und rechnen ab“.
Mit einem Nachsatz 2011.

Joachim Barloschky, Barlo
geboren 28.01.1952 in Bremen als ältester Sohn der LehrerInnen Ursula und Dieter Barloschky; zwei wunderbare Geschwister: Katja und Boris.

50er / 60er Jahre:

So weit ich mich erinnern kann (und will) eine schöne, unbeschwerte Kindheit und Jugend (insbesondere wenn ich an die Kinderarmut heute denke und an die Sorge vieler um eine mögliche Zukunft wegen fehlender Ausbildungsplätze und Studiengebühren usw.) im ersten Bremer Neubauviertel Gartenstadt- Vahr. Gebaut „für breite Schichten des Volkes“; damals noch mit Kohleofen, später dann umgerüstet über Ölofen zur Zentralheizung. Grundschule In der Vahr und
Gymnasium Parsevalstraße, aber vor allem das Leben auf dem Spielplatz mit Kletterturm; Versteckenspielen in den Kellern und Gebüschen, Turnverein und Fußball auf dem Spielplatz bringen Freude und viele Freunde. Schulerfolge recht gut - allerdings Englisch-Nachhilfe vom leistungsbetonten und strengen (Backpfeifen inklusive) Lehrer-Vater geht nicht ohne Tränen ab.

Zeitungslesen am Frühstückstisch (nicht nur den Sportteil; deshalb kannte ich schon als 11jähriger alle Politikernamen und die Geographie der Welt) vom Vater gelernt; Soziale Gerechtigkeit und Ablehnung von Kriegen von beiden Eltern (und einem privaten Besuch der Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald 1964). Und mitbekommen habe ich auch Begeisterung für Sprache und Literatur (Lindgren, Kästner etc. und Gottfried Keller, Sagen des klassischen Altertums etc.) und Musik (Dvorak „Aus der neuen Welt“, Beethoven). Also, ich komme aus guten bildungsbürgerlichen Verhältnissen.

1966 durfte ich als 8-Klässler an der Politik-AG der Oberstufe teilnehmen. So lernte ich das Grundgesetz kennen, das Meinungsfreiheit und einen sozialen und
demokratischen Bundesstaat versprach - aber die KP war verboten. Wie das? Ich schrieb an die Bundeszentrale für politische Bildung - die schickten das Verbotsurteil. Kleingedruckte 150 Seiten - das war mir zuviel und verstanden hatte ich es auch nicht.
1967 erstmals Teilnahme am Ostermarsch mit selbst gebasteltem peace Zeichen auf gelber Öljacke. Gut, dass ich über die Freundschaft unserer Eltern Christoph Köhler kennen lernte. Die gründeten gerade in Bremen-Nord eine Schülergruppe. Mit ihnen und Rolf Gerken (der hatte eine tolle Freundin, er hörte Jazz und es gab Pernod) von meiner Schule organisierten wir die Gründung des Unabhängigen Schülerbundes (USB) in Bremen, November 1967. (erste pikante Erfahrung mit Anmeldungen von Aktionen bei der Polizei).
Ab da ging es Schlag auf Schlag.

  • Aktionen gegen den Vietnamkrieg am Heiligabend auf den Domtreppen („Denkt nicht nur an Eure Weihnachtsgans - denkt auch an Vietnam“.
  • Beinahe Verhaftung - Domprediger Abramczik rettete mich.
  • Die Straßenbahnblockaden / Demonstrationen Januar 1968: Als aktiver USB’ler gleich aktivst dabei; und leider gleich am ersten Abend schon verhaftet (weitere Festnahmen in den 70/80er Jahren erlebten mich da
    schon abgeklärter). Jedenfalls brachte das drei Tage Teilnahme-Verbot an den Aktionen durch die Eltern - die aber dafür daran teilnahmen. Am Ende der „Draufhauen! Draufhauen, Nachsetzen!“ (Polizeipräsident) -Woche
    dann die Debatten der 10.000 auf der Domsheide und in der Woche drauf hatten „wir“ gewonnen - wohl vor allem weil wir Rückhalt in der Bevölkerung gewannen und der zunehmende Druck aus den Betrieben Bürgermeister Koschnick zum Einlenken zwangen. (siehe: Detlef Michelers, „Draufhauen, Draufhauen, Nachsetzen! Die Bremer Schülerbewegung, die Straßenbahndemonstrationen und ihre Folgen 1967/70“, Temmen). Ab
    jetzt schien alles möglich; und ich hatte 0,50 DM von einem Straßenkameraden gewonnen, weil ich gewettet hatte, dass unsere Aktionen was bringen (die 0,50 DM verlor ich im August, als ich ihm nicht glauben wollte, dass die Warschauer Vertragsstaaten in Prag einmarschiert
    seien).
  • Das Größte: Teilnahme am Vietnamkongress im Februar 1968 in Westberlin. Ein Wochenende nur Politik und Demo (Ho Ho Ho Chi Minh); Dutschke aus der Nähe und ältere Männer wie Gollwitzer, Sartre, Bloch, die aber auf unserer Seite waren. Das riesige Transparent über der Bühne des Audimax: Die FNL / Vietcong - Fahne und Che Guevara- Sprüche, die mich fortan ein Leben lang begleiteten: “Verwandelt Euren Hass in Energie“. „Die Pfl icht jedes Revolutionärs ist es, die Revolution zu machen“. Wir waren stark, selbstbewusst und mit einem unbändigen Sendungsbewusstsein ausgestattet - allerdingsbekam ich auch mit: „Hier im Inneren des Landes, da leben sie noch“ (Degenhardt): die Spießer und Alt-Nazis, angestachelt durch Bild-Zeitung und auch den Regierenden Bürgermeister von Berlin, Schütz: „Seht Euch diese Typen an!“ sein Aufruf an die Berliner Amerika-Zujubler. Randnotiz: In einer Bremer Wahlkampfrede 2007 hat der Kulturstaatsminister Bernd Neumann, der Gedichte eines meiner Lieblingslyriker Erich Fried auch schon mal verbrennen wollte, ausgerufen: „Tommy (Spitzenkandidat der CDU Thomas Röwekamp), mach weiter so. Lass Dich nicht von solchen Typen wie Kurnaz irritieren!“. Wie die Stimmung in Teilen der Bevölkerung war, konnte man am Attentat auf Rudi Dutschke erkennen - „Bild hat mitgeschossen“ lauteten unsere Sandwich-Plakate bei der Blockade der Vertriebsstelle der Bremer Bildzeitung. Ich fuhr anschließend gleich mit nach Hamburg um dort unter der Losung „Enteignet Springer“ (immer noch vollkommen richtige Losung; plus Bertelsmann & Co.) zu protestieren, zu blockieren und so die Auslieferung der Bild-Zeitung erfolgreich zu verhindern.
  • 11. Mai 1968 der Sternmarsch auf Bonn gegen die Notstandsgesetze. Beeindruckend vor allem auch weil da nicht nur wir SchülerInnen und StudentInnen sondern auch so viele Gewerkschafter dran teilnahmen. Und beim Bremer Schulstreik / Vollversammlungen gegen die Notstandsgesetze am Tag der Abstimmung im Mai war ich delegiert, um die Barkhof-USB - Gruppe zu unterstützen und spürte das erste Mal, dass ich gut und argumentativ und emotional reden kann.
  • Das tägliche APO-Leben aber war die Schülerbewegung; überall entstanden Basisgruppen oder Grundeinheiten des USB; zentral versammelten wir uns im Sozialistischen Club in der Buchtstraße. Das Faltblatt „a“ sorgte (vor allem mit der Beardsley-Graphik) für Furore; ich hatte zwar nicht alles verstanden, aber es vor der Parsevalstraße verteilt - und vor der Beschlagnahme durch den Direktor mit dem Hinweis erettet, dass die Faltblätter meinen Eltern gehörten.
  • War es zwar kein Problem zum Vietnam-Kongress und auch über Nacht nach Hamburg zur Springer- Blockade zu fahren, so war es nichtsdestotrotz ein erbitterter Kampf zur Abschlussfeier unserer Schulklasse länger als bis 23 Uhr zu bleiben. Ja, wir Ältesten müssen die Jugendfreiheiten erkämpfen, also auch lange Haare.
  • Überhaupt es war ein geiles Jugendleben; mit Feten, Saufen, endlosen Diskussionen und Fahrten (seit 1966 war ich auch bei den Hansischen Piraten; FKK-Paddelgruppe mit Wochenendtouren auf Weser, Wümme und Hamme aber auch Großfahrten im jugoslawischen Mittelmeer und nach Schweden). Außerdem das Jugendfreizeithe im Bispinger Str. hinterm Haus mit Tanz (ich hörte am liebsten Kinks, Move; Small Faces, Dylan - und die Beatles), Mädchen, Abhängen und Agitieren und Politisieren. Wir waren so viele junge Leute, die in Bewegung kamen. Nur mit dem Sport hörte es auf. Nicht wegen der falschen antiautoritären Losung: „Sport ist Mord“, sondern weil die wichtigsten USB-Sitzungen und Aktionen samstags waren - und die waren für die Revolution und meine Seele wichtiger als die Handball - Punktspiele der B-Jugend des HTSV.
  • 1968 wechselte ich auf das „Reform-Gymnasium“ Huckelriede, wirtschaftswissenschaftlicher Zweig. Hier hatten wir Linken schnell die Mehrheit. Mein Freund Robert Bücking und ich bemalten 1969 die Schule mit Losungen wie „Mitbestimmung bei der Direktorenwahl!“ und benannten die Schule in „Che Guevara - Institut“ um - aber wir waren etwas dumm (bzw. das schlechte Gewissen zu stark), so dass wir uns wegen Farbfl ecken am Mantel drei Tage später der Polizei stellten. Allerdings waren wir stark genug, die anderen drei „Mittäter“ nicht zu verraten. Das gab - Dank einer liberalen Lehrerschaft - nur „Consilium Abeundi“. Und ich hatte die Chance 6 Wochen Arbeiterklasse zu sein. Denn die Reinigung der Schule kostete mich 6 Wochen Hilfsarbeiter auf dem Bau während der Sommerferien. Glücklicherweise war ich dann während der Sommerferien 1970 mit meinem Freund Cordt Schnibben wunderbare 6 Wochen trampend in England (ein wunderschönes Erlebnis, nicht nur am Grab von Karl Marx und nicht nur weil das unsere Englisch-Noten gleich verbessert hat) - sonst wären wir möglicherweise bei einer Aktion unseres Freundes Robert dabei gewesen, die ihn endgültig von den Bremer Schulen verbannte. Weitere Pubertäts- (Plakataushänge „Schluss mit der Onanie am Lehrerpult“, Klau von Klassenbüchern gegen den „Zensurenterror“ - Verwürfelt Euer Leben selbst) und Revolutionsspiele („Aktion Courvoisier“, die Roten gegen die Weißen, Wie baut man einen Molotow-Cocktail) folgten.
  • Erste unbewusste Kontakte mit der noch illegalen KP: Gespräche und Delegationsreise in den Bezirk Schwerin.
  • Auseinandersetzung mit dem Faschismus / Neofaschismus (die NPD saß in sieben Landtagen; auch in Bremen) per Braunbuch und Filmen von E. Leiser und M. Romm und Anna Seghers „Das siebte Kreuz“.
  • Große Demonstrationen gegen NPD („Bei Thadden ist der Teufel los“) und Strauß vor der Stadthalle. Anekdote: Als um Mitternacht die Polizei meine Mutter aus dem Schlaf klingelte um mitzuteilen, dass der Verhaftete Joachim Barloschky von der Wache abgeholt werden könnte und meine Mutter antwortete, dass ihr Mann mit dem Auto nicht da sei, weil er auf der Demo ist, kam Katja von der Demo gerade nach Hause und rief: Mama, die Bullen haben Barlo verhaftet - ja die Familie war aktiv.
  • Entdeckung / Erkenntnis, nach einem kleinen Freud / Wilhelm Reich- Umweg (Der Sozialismus verhindert den Ödipus-Komplex oder so ähnlich - oh, peinlich), dass man das kapitalistische System in Frage stellen muss, dass der Marxismus dabei sehr behilfl ich ist und dass man die Gesellschaft nur verändern kann, wenn man viele ist und kräftiger, also die arbeitende Bevölkerung auf seine Seite zieht („Alle Räder stehen still, wenn Dein starker Arm das will!“ - Siehe die „wilden“ Streiks 1969). Dementsprechend überall Zirkel / Schulung des Marxismus. Mir hat das Kommunistische Manifest so gut gefallen, das ich es bis heute jährlich einmal lese: Und Engels war auch Klasse!

Revolution machen hieß für mich in den Sechzigern:

Die Gesellschaft verändern! Aktiv sein! Demokratie durchsetzen! Solidarität mit Vietnam! Gegen Ungerechtigkeiten angehen! Solidarität üben! Marxismus studieren! Gegen Faschismus und damit Kapitalismus angehen (denn: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“ Bertolt Brecht). Und die KP legalisieren (wie es in allen Ländern Europas bis auf die faschistischen Regimes in Portugal und Spanien normal war). International (istisch) sein! Ein buntes Leben führen. Die ganze APO-Zeit, dieser politische und kulturelle Aufbruch, diese Kraft und der Optimismus wurde von Hilde Domin in ihrem Gedicht „Wer es könnte“ schon 1963 herbeigesehnt: „Wer es könnte / die Welt / hochwerfen / daß der Wind / hindurchfährt“.

70er Jahre:

Die Schülerbewegung wird immer stärker. Ebenso die Erkenntnis und / oder das Gefühl, dass man an der Seite der Arbeiterklasse kämpfen muss. Und Mitglied einer kommunistischen Partei sein muss. Ich trat im Februar 1970 in die DKP ein - nicht ohne vorher mich beschwert zu haben, dass in deren Programm nichts stand von Revolution und Che Guevara, sondern nur „stinklangweilig und reformistisch“ der Kampf um die „demokratische Erneuerung von Staat und Gesellschaft“. Fast folgerichtig, dass ich und noch ein Junggenosse auf der Jahreshauptversammlung der DKP Wohngebietsgruppe Hastedt gegen die Wiederwahl des im doppelten Sinne alten Erich Pape als Grundorganisationsvorsitzender stimmte (damals war mir das peinlich, dass sich 50 Augenpaare vorwurfsvoll auf uns beide Langhaarige richteten - aber schon ein Jahr später hatte ich Erich Pape senior als klugen, aktiven, im Widerstand gestählten, in der Arbeitersiedlung Klein- Mexico engagierten und hervorragenden UZVerkäufer schätzen und bewundern gelernt - wie im übrigen auch solche Bremer WiderstandskämpferInnen wie Maria Krüger, Willi Meyer-Buer, Willy Hundertmark und Hermann Prüser; oder auch Peter Gingold aus Hessen). Mein „Kampfauftrag“ aber lautete: Stärkung der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend (SDAJ). Durch meine Verankerung im Jugendfreizeitheim Gartenstadt - Vahr, den Aufbau und die Unterstützung der Lehrlingsbewegung im Post - Wohnheim in der Nähe und die Unterstützung eines „wilden“ Streiks bei Varianmat (mein Parteisekretär: „Barlo, so geht das nicht, ohne die Einheitsgewerkschaft!“) ging das auch wunderbar. Ich wurde SDAJ-Aktivist, studierte Liebknecht und war begeistert von Floh de Cologne. Ebenso von Degenhardt (insbesondere das Essener Live-Konzert 1968 gab Argumente und Orientierung), Süverkrüp (Erschröckliche Moritat vom Kryptokommunisten mit den Unterwanderstiefeln; aber auch Baggerführer Willibald und das Auto Blubberbum) und vor allem Ton Steine Scherben (vor allem: „Allein machen sie dich ein; zu hundert oder tausend kriegen sie langsam Ohrensausen“, „Die rote Front und die schwarze Front“). Und aus der DDR gefi elen mir besonders Renft und electra. Weitere Argumente (und Literaturgenuss) gab es bei Brecht, Erich Fried, Christa Wolf, Hermann Kant und später bei Brigitte Reimann und Alfred Andersch.

Nach dem Abitur 1971 zunächst 18 Monate Wehrpflicht bei der Bundeswehr; denn „wenn Du stark genug bist geh!“ (Degenhardt). War für mich wichtig, um mich von Illusionen zu befreien, aber auch normales Leben mitzubekommen; Alkohol, Kameradschaft etc. - richtig schlimm war nur die Schreierei und dass es eben eine aggressive Armee war, aufgebaut von Nazi-Generälen. Aber ich konnte aktiv sein. „Wie der Fisch im Wasser schwimmen“, „Kampf ums Teewässerchen“ - und auf der Grundlage agitieren. Möglich war das nur, weil es überall auf der Welt KämpferInnen für Gerechtigkeit gibt, also auch in Neumünster-Boostedt. Wir gründeten die Soldateninitiative Neumünster SIN, verbreiteten die Zeitung “activ für Soldaten“ (eben dank der SDAJ, bei denen ich auch häufi g übers Wochen ende blieb. Danke Rainer Studt und Beule). Für einen politischen Aufruf zur Unterstützung der Entspannungspolitik der Regierung Brandt (bis heute bin ich dankbar und zu Tränen gerührt für Willy Brandts Kniefall in Warschau) und einen Auftritt in Uniform auf dem MSB / SDAJ Jugendkongress sollte ich in den Knast kommen - 80% meiner Panzerkompanie unterschrieben einen Protestbrief dagegen und planten (auch unter Alkoholeinfl uss) einen Streik. Und da war ich schon am nächsten Morgen strafversetzt zum MatPrüfKdo (TÜV der Bundeswehr) und damit jede Woche in einer anderen Kaserne in Schleswig-Holstein. Den Knast, aber nur 6 Tage, habe ich dann später doch noch bekommen, weil ich am 1. Mai 1972, eingeladen von der DGB-Jugend, in Uniform eine Rede auf der Maiveranstaltung (im Saal) gehalten habe. Der ebenfalls in Uniform anwesende Brigade-General, traditionell eingeladen von der DGB-Kreisverwaltung, verhängte die Strafe und die DGB-Jugend und die SDAJ sangen mir ein Solidaritätslied vor dem Bundeswehrknast. Nach der Bundeswehrzeit arbeitete ich für ein Jahr im Jugendfreizeitheim Hemelingen. Bemühungen um einen Ausbildungsplatz in einem Großbetrieb schlugen fehl, also studierte ich ab 1973 (Lehramt AL/Politik). Aber 1974 wurde ich Landesvorsitzender der SDAJ Bremen- Niedersachsen/ Nordwest. So wurde ich „Berufsrevolutionär“ - und hatte ein schlechtes Gewissen; denn nun bekam ich auch noch Geld für meine Leidenschaft. Also noch mehr rackern - aber mit Vergnügen und Erfolg: Kampagnen und witzige direkte Aktionen (Go-Ins, Ankettungen, Zumauern der Arbeitsämter in Emden und Leer) für die Grundrechte der Jugend, gegen Jugendarbeitslosigkeit und Lehrstellenmangel, gegen das SVG, gegen Berufsverbote, gemeinsame Aktionen mit dem Landesjugendring (erstes Treffen der Jugend der UdSSR und der Jugend der BRD in Saporoschja 1975, TuWas-Festival), Festivals der Jugend und Bremer DKP-Maizelt (sehr schade, dass es das nicht mehr gibt), Teilnahme an den XI. Weltfestspielen der Jugend und Studenten auf Cuba. Welch ein Internationalismus! Todos a la plaza con Fidel. Und bis heute beeindruckend, welche sozialen Errungenschaften zumindest in der Bildung und Gesundheitspolitik beispielgebend für Lateinamerika errungen wurden gegen Blockade und Feindschaft der US-Administration.

Das Schönste in den siebziger Jahren:

Liebe Freundinnen, auch wenn es nicht die Lieben fürs Leben waren. Gemischte WG-Erfahrungen (es blieb als guter Freund Günther Griese). Vietnam wurde vom Krieg befreit („Alle auf die Straße, rot ist der Mai, alle auf die Straße, Saigon ist frei!“). Portugals Nelkenrevolution (Grandola vi la Morena), Spanien kam zur Demokratie, Entkolonialisierung von Angola, Mocambique, Guinea-Bissau und Kap Verde, Zimbabwe. „Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker“ Che. Selbstwirksamkeit: Die SDAJ wurde ein wichtiger und lebendiger Faktor in der Jugendbewegung, in manchen Städten und Dörfern richtige Massenorganisation. Ein halbes Jahr Delegation zur Internationalen Komsomol-Hochschule mit Kapital-Studium, Praktika in Sibirien, wunderbare Begegnungen mit Sowjetbürgern der verschiedensten Nationalität („Meine Adresse ist keine Straße, keine Stadt, meine Adresse ist die Sowjetunion“ hieß damals ein aktueller Schlager) und KämpferInnen gegen den Imperialismus aus allen Ländern. Und ich entdeckte Paul Weller (damals mit JAM und hielt ihm über The Style Council bis zu seiner Solokarriere seit den 90er Jahren wegen der Musik und Texte die Treue).

Und das Bittere:

Der Putsch gegen Allende. Das persönlich Positive daran: ich habe wunderbare chilenische Genossen, Unterstützer der Unidad Popular hier im Exil kennen gelernt und einen großen Schwager bekommen. Mein Freund Robert und mein Cousin Peter waren in der „falschen“ kommunistischen Partei (oder ich) bzw. Warum hat sich mein Vater nicht durchsetzen können mit seinem Traum und Argumenten, dass alle kleinen KP-Gruppen gemeinsam mit den linken Sozis und den Anarchisten und Spontis etc. eine gemeinsame Bewegung aufbauen - spätestens ab 1990 haben wir gemerkt/gelernt, dass uns so viel mehr verbindet als mit der herrschenden Politik. Dabei war gerade unsere Großfamilie so links wie breit: Und zu Weihnachten trafen wir uns alle für eine Woche in einem Kirchenheim, sehr kulturvoll und politisch - „Zu Weihnacht sind Marxisten genauso lieb wie Christen!“ - aber der ideologische Riss zwischen den verschiedenen linken Fraktionen war groß; und wie gesagt bitter. Entschuldigung für meinen persönlichen Anteil daran.

„Revolution machen“ hieß für mich in den Siebzigern:

Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt! Am besten sich gemeinsam wehren! Sich freuen über vielfältige gesellschaftliche Bewegungen, Unruhe. Außerparlamentarisch ist wichtiger als im Parlament! Erfolge realisieren; z. B. Aufschwung für die Bildung. In den 60ern waren wir unter dem Transparent „Mehr Arbeiterkinder an die Uni!“ auf die Straße gegangen. Immer mehr studierten, viele über den zweiten Bildungsweg. Gesamtschulen entwickelten sich. Allerdings: Spätestens seit PISA wissen wir: Wir müssen noch mal auf die Straße! Internationale Solidarität. Für Frieden und Entspannungspolitik. Die außerparlamentarischen und betrieblichen Bewegungen gegen das Misstrauensvotum Mai 1972 waren erfolgreich. Schülerbewegung an der Seite der Arbeiterklasse und Arbeiterjugend. Die linken Organisationen stärken. Mit den Massen verbinden, auf das Volk hören. Bündnisse bilden. SDAJ und MSB gemeinsam! Marxismus verbreiten.

80er Jahre

Die Friedensbewegung! Die Bonner Demo! Krefelder Appell! Ostermarsch Wiederbelebung! Blockade in Bremerhaven! Stoppt den Bombenzug! Der 6. Mai gegen Rekrutenvereidigung im Weserstadion. Die Abrüstungsvorschläge der Sowjetunion (Überhaupt: Glasnost und Perestroika. Endlich die Verbindung mit dem realen Leben und der Wahrheit, Vertrauen ins Volk. Ich war begeistert, hoffte auf eine Renaissance des Marxismus. Wahrscheinlich habe ich überhaupt immer nur das Positive, Optimistische sehen wollen). Blockaden und Demos in der Garlstedter Heide! Das Bremer Friedensforum und die Friedensinitiative Osterholz -Tenever! Eine aktive starke Bewegung, eine Volksbewegung.
Und überhaupt; weiterer Aufschwung vieler Bewegungen: Die wohl wichtigste: Der Kampf um die 35-Stundenwoche bei vollem Lohnausgleich (heute müsste es um die 30 Stunden-Woche bei wesentlichem Lohnausgleich gehen, wenn man eine gerechtere Arbeitsverteilung in der Gesellschaft und mehr soziale Gerechtigkeit und Lebensqualität will). Volkszählungsboykott! Lieber Häuser besetzen als fremde Länder! („Friede den Hütten! Krieg den Palästen“ Georg Büchner). Frauenbewegung; auch bei der DKP („Ja, die wirkliche Befreiung der Frauen wird erst im Sozialismus sein - aber wie leben wir bis dahin?“), Umweltschutz und Anti-AKW-Bewegung (obwohl Engels kluge Dinge dazu gesagt hatte, taten wir uns verdammt schwer).
Für mich hat sich viel verändert in den Achtzigern: 1983 wechselte ich aus der Jugendarbeit ins Bezirkssekretariat der DKP, verantwortlich für Bündnis- / Friedenspolitik und Öffentlichkeitsarbeit (das hieß auch Betriebsgruppe Radio Bremen).
So aktiv und schön die Zusammenarbeit mit den bewegungsaktiven DKP’lerInnen im ganzen Bezirk ist und die wunderbare Arbeit in der DKP-Gruppe Osterholz- Tenever (wir sind sehr aktiv, geben eine Zeitung raus, schreiben mit der Betriebsgruppe Jugendamt ein Tenever-Sofortprogramm, das viel in Bewegung setzt, initiieren Bewegungen, feiern viele Feste und werden immer mehr) - die Auseinandersetzungen in der Partei zwischen „Erneuerern“ und „Bewahrern“ als Vorboten des Zusammenbruchs des realen Sozialismus nehmen an Schärfe, Bitterkeiten und Peinlichkeiten zu. Ich fi nde für mich einen persönlichen Ausweg, eingedenk des nicht dummen Grundsatzes von Mao Tse Tung, dass man rotieren sollte (Barlo in die Produktion); aber berücksichtigend, dass es ohnehin besser ist, man lernt erstmal was, bevor man nur Politik macht, mache ich ab 1988 vom Arbeitsamt gefördert eine zweijährige Ausbildung zum Staatlich geprüften Betriebswirt (eine wunderschöne Zeit mit Lernen, Super-Zensuren und Mittagsschlaf und Familie).
Überhaupt das Wichtigste in den Achtzigern: Familie. Ich lerne Friederike aus Wilhelmshaven und ihre zwei, drei und vier Jahre alten Kinder kennen; und 1982 ziehen wir in eine große moderne Wohnung nach Tenever. Neue Verantwortlichkeiten, neue Kontakte, ein wunderbares Familienleben für mich. Unsere wenige Freizeit widmen wir der DKP-Gruppenarbeit in Osterholz-Tenever. Ich bin begeistert von und mit den Kindern - die werden später sicher etwas kritischer über den nicht optimalen und auf Aktion seienden Pädagogen urteilen.
Derweil öffnen sich die Mauern - wir verfolgen es, immer umschaltend, im West- und DDR-Fernsehen; und behaupten trotzig: Auch wir in Tenever sind das Volk! Und verlassen mit vielen die DKP.

„Revolution machen“ hieß für mich in den Achtzigern:

Die Friedensbewegung stärken! Den Sozialismus erneuern! Unruhe und Bewegung schaffen in meinem Quartier Tenever!

Das Leben ist schon das Schönste.
Mit all seinem Hol’s-der-Teufel
und Macht-keinen-Spaß-mehr und Wunderbar
und Glücklich-sein und Jeden-Tag-wieder-neu.

Mit essen und schlafen und lieben und
wieder essen und schlafen und arbeiten
und Erfolg haben und Misserfolg haben
und überhaupt.
(Heinz Kahlau)

90er Jahre

Zwar gleich aktiv dabei „Kein Blut für Öl“ (1. Irak- Krieg) und gegen zunehmenden Rassismus, aber insgesamt doch politisch schwer verunsichert - nicht an meinen Idealen aus der APO-Zeit, aber manches Nachdenken über falsche Analysen, Strategien und auch eigenes Verhalten. Zumindest meine politische Selbstsicherheit und auch das Sendungsbewusstsein sind deutlich reduziert. Muss ich schon wieder genau wissen, was richtig ist und wo es lang geht? Also was heißt das nun „die Revolution machen“. Nun „bevor der Mensch Politik, Religion betreibt, muss er erstmal die Mittel zu seiner Reproduktion schaffen“ (so oder ähnlich Engels am Grab von Karl Marx).
Also seine Ware Arbeitskraft verkaufen. Und: meine Stelle wird geschaffen beim Amt für Soziale Dienste. Gegen den Einstellungsstopp im öffentlichen Dienst kämpfe ich mit vielen BewohnerInnen und Pastoren und dem Arbeitskreis Tenever als engagierte Selbstorganisation der sozialen Einrichtungen und Initiativen für die neu geschaffene Stelle eines Quartiersmanagers in Tenever. Prädestiniert bin ich durch meine Aktivitäten als Bewohneraktivist in Tenever, den Aufbau eines Bewohnertreffs und Mieterdemos - und werde zum Abschluss meines Betriebswirtstudiums zunächst befristet beim Amt für Soziale Dienste eingestellt. Schon nach drei Tagen die erste Presseinformation („Das dürfen wir doch als Amt gar nicht, Herr Barloschky“) und ein aktives, quirliges Quartiersleben entfalten. Das Demonstrativbauvorhaben Tenever („Urbanität durch Dichte“ versprachen die Planer und dann endete es wie bei Christian Morgenstern: „Der Architekt jedoch entfl oh / nach Afri- od Americo“) entwickelt sich zum Demokratie-Vorhaben: Bewohnerbeteiligung, Mitentscheidungsrechte des Volkes in der Stadtteilgruppe Tenever überdie Vergabe von Steuermitteln für Projekte, Konsensprinzip und bis heute ca. 400 große und kleine Projekte zur Verbesserung der Lebens- und Wohnbedingungen. Und intensiver Kampf vor und hinter den Kulissen für eine grundlegende Sanierung Tenevers - gegen Monopoly spielende. Immobilienbesitzer, die Straßen kauften und verkauften, ihren Schnitt machten und die Häuser verkommen ließen. Gegenhalten - aber die gesellschaftliche neoliberale Entwicklung sorgt für die Spaltung der Städte:

Die große Decke
Der Gouverneur, von mir befragt, was nötig wäre
Den Frierenden in unsrer Stadt zu helfen
Antwortete: Eine Decke, zehntausend Fuß lang
Die die ganzen Vorstädte einfach zudeckt.

(Bertolt Brecht)

Gut, dass es bei uns engagierte BewohnerInnen und KollegInnen und die Programme WiN-Wohnen in Nachbarschaften, Soziale Stadt und den Stadtumbau gibt.
Ansonsten Freude an Gysi, Mitarbeit in der Gewerkschaft, kurze Zeit Personalrat, Unzufriedenheit schüren - aber eben auch mehr Zeit habend für Gedichte, Literatur, Theater, Kunstausstellungen. Und mit drei Kollegen entwickele ich eine schöne Freundschaftsgruppe, mit der ich auch seit 1993 jährlich für eine Woche auf die holländische Insel Schiermonnikoog reise; zum Reden, Ausruhen und Boule-Spielen.

Das Schönste und Schwerste zugleich:

1992 trenne ich mich sehr plötzlich von meiner Familie.

Ich bin total verliebt (bis heute) in Anne Knauf, die einen Kindergarten in Tenever leitet (und übrigens dort unsere drei Kinder schon betreut hatte), und die die „Wesentliche“ ist in unserer Beziehung (und so auch hilft, dass ich meinem gewissen „Hang zum Massenopportunismus“ oder gar Karriere-Angeboten nicht folge).
Dieses Glück ist für meine Familie bitter;
aber wie dichtet Erich Fried in „Was es ist“: Es ist was es ist sagt die Liebe

Das Unverzeihliche

Wenn ihr Freunde vergesst, wenn ihr den Künstler höhnt,
Und den tieferen Geist klein und gemein versteht,
Gott vergibt es, doch stört nur
Nie den Frieden der Liebenden.

(Friedrich Hölderlin)

„Revolution machen“ hieß für mich in den Neunzigern:

Nachdenken; sich zurücknehmen, bescheiden bei Aktionen dabei sein. Zivilcourage zeigen. Menschen ermutigen sich einzumischen, Interessen zu vertreten. Unterstützung von Mieter-, sozialen sowie Flüchtlingsinitiativen. Sich nicht unterkriegen lassen vom Mainstream und Neoliberalismus; nicht in der „neuen Mitte“ ankommen. Widerständig bleiben.

Das neue Jahrtausend

Alles geben die Götter,
die unendlichen,
ihren Lieblingen ganz,
Alle Freuden,
die unendlichen,
alle Schmerzen,
die unendlichen, ganz.
(Johann Wolfgang Goethe)

Ich habe (wohl auch durchs Rauchen) Mandelkrebs- aber alles wird erfolgreich wegoperiert, wegbestrahlt und weggekurt.

Aktives Weiterwerken in Tenever; mit Erfolg und öffentlicher Resonanz. Begeistert von Tenever, das so jung und so international und engagiert ist (aber eben auch arm). Mein täglicher Reformismus - bei gleichzeitiger Systemkritik! Meine pädagogischen Neigungen realisiere ich als Politiklehrer an der Verwaltungsschule, als Lehrbeauftragter an der Hochschule und als Referent und Teamer.

Und Zeit ist für Kultur und Städtereisen. Über den alten Schüleraktivisten Elac (Rechtsanwalt Bernhard Docke) kann ich in Zusammenarbeit mit dem Mütterzentrum Osterholz-Tenever e.V. dem gebürtigen Bremer Murat Kurnaz, dem man in Guantanamo fast 5 Jahre seiner Jugend geraubt hat, mit einer befristeten Stelle helfen ins Bremer Leben zurückzukommen, und endlich dadurch krankenversichert zu werden (siehe Der Spiegel vom 19.03.2007).
Entsetzen über die rot-grüne Bundesregierung, die Deutschland wieder Krieg führen lässt. (Jugoslawien). Proteste gegen den zweiten Irak - Krieg! Engagement gegen Rassismus, Spießertum und Nazis! Gegen Hartz IV und Kinderarmut!

„Revolution machen“ heißt für mich heute:

Mitwirken am Bau und an der Veränderung der Welt. Eine andere Welt ist möglich. Teilnehmen an der Blockade gegen die G8! Stärkung der (neuen) APO! Weg mit Hartz IV! Endlich Höchstbesteuerung der Reichen! Menschlich sein und Meinung und Engagement leben. Menschenrechte verteidigen, gegen Ungerechtigkeiten angehen, Ungleichheit abbauen! Linke (Bewegungen) stärken!

Es müsste noch mal wie 89 sein 17 nicht 19, aber weltweit Religionen verboten, Politiker enthirnt Vernunft und Vertrauen, ach Janie du spinnst
(Fehlfarben)

Sei was du bist
Gib was du hast
(Rose Ausländer)

Geschrieben über Ostern 2007; zu lang - obwohl nicht erwähnt wurden die Überforderungsängste und Ohnmachtsgefühle, manch schlaflose Nacht und Rückenschmerzen. Und dabei gibt es zu jedem Satz noch eine Geschichte und Erklärung. Und am liebsten noch 10 Gedichte. Es hat mich aufgewühlt.

Barlo

 


Vier Jahre später:


Das Engagement geht weiter. Die große Sanierung Tenevers ist beispielhaft realisiert. Tenever ist heute ein interessantes „internationales Dorf“ mit menschenwürdigen Wohnbedingungen.
Wenn da nicht die fortschreitende gesellschaftliche Spaltung in arm und reich wäre.
Der Kapitalismus erweist sich mit Krisen (und Kriegen) als nicht zukunftsträchtig.
Empörung und Widerstand ist angesagt.

Auch dafür lohnt es sich bei Marx und Engels mal reinzuschauen:

„An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.“ (Kommunistisches Manifest)

Oder moderner ausgedrückt:


Der Traum ist aus
Ich hab geträumt, der Winter wär vorbei
Du warst hier und wir waren frei.
Und die Morgensonne schien.
Es gab keine Angst und nichts zu verlier´n,
Es war Friede bei den Menschen und unter den Tier´n.
Das war das Paradies.

Refrain: Der Traum ist aus.
Der Traum ist aus.
Aber ich werde alles geben, dass er Wirklichkeit wird.

Ich hab geträumt, der Krieg wär vorbei.
Du warst hier, und wir waren frei.
Und die Morgensonne schien.
Alle Türen waren offen, die Gefängnisse war´n leer.
Es gab keine Waffen und keine Kriege mehr.
Das war das Paradies.


Gibt es ein Land auf der Erde,
Wo dieser Traum Wirklichkeit ist?
Ich weiß es wirklich nicht.
Ich weiß nur eins und da bin ich mir sicher:
Dieses Land ist es nicht.
Dieses Land ist es nicht.

Der Traum ist ein Traum zu dieser Zeit.
Doch nicht mehr lange, mach dich bereit.
Für den Kampf um´s Paradies.
Wir hab´n nichts zu verlier´n außer unserer Angst
Es ist uns´re Zukunft, unser Land.
Gib mir deine Liebe, gib mir deine Hand.

Refrain: Der Traum ist aus.
Der Traum ist aus.
Aber ich werde alles geben, dass er Wirklichkeit wird.

Rio Reiser / Ton, Steine, Scherben

 


Die Nachtlager

Bertolt Brecht (geschrieben 1931)

Ich höre, dass in New York
An der Ecke der 26. Straße und des Broadway
Während der Wintermonate jeden Abend ein Mann steht
Und den Obdachlosen, die sich ansammeln
Durch Bitten an Vorübergehende ein Nachtlager verschafft.

Die Welt wird dadurch nicht anders
Die Beziehungen zwischen den Menschen bessern sich nicht
Das Zeitalter der Ausbeutung wird dadurch nicht verkürzt
Aber einige Männer haben ein Nachtlager
Der Wind wird von ihnen eine Nacht lang abgehalten
Der ihnen zugedachte Schnee fällt auf die Straße.

Leg das Buch nicht nieder, der du das liesest, Mensch.

Einige Menschen haben ein Nachtlager
Der Wind wird von ihnen eine Nacht lang abgehalten
Der ihnen zugedachte Schnee fällt auf die Straße
Aber die Welt wird dadurch nicht anders
Die Beziehungen zwischen den Menschen bessern sich
dadurch nicht
Das Zeitalter der Ausbeutung wird dadurch nicht verkürzt.