Interview mit Joachim Barloschky



Wie bist du nach Tenever gekommen
und wie war es hier damals?

Ich bin 1980 mit meiner Familie nach Tenever gezogen, weil wir eine große, gute Wohnung suchten. Die haben wir hier gefunden. Klasse! Gleichzeitig haben wir uns mit den täglichen Realitäten auseinandersetzen müssen. Die so aussahen, dass die Wohnungen für uns ein ganz wichtiger Gebrauchswert waren, aber für die Eigentümer dieser Wohnungen, nämlich internationale Konzerne, Immobiliengesellschaften, Versicherungsgesellschaften, sind das Anlageobjekte, sind das Renditeobjekte, sind es Profitobjekte. Die wollen mit diesem Gebrauchswert - Wohnen ist ein Menschenrecht muss man ja sagen - Profit machen. Und so benehmen sie sich auch, indem sie Miete kassieren, aber hier viel zu wenig für Instandhaltung, Modernisierung, Wohnumfeld-Verbesserung ausgeben. Hinzu kommt, dass sie Monopoly gespielt haben,

straßenweise hunderte Wohnungen gekauft und verkauft haben, immer dabei ihren „Schnitt“ gemacht, aber - wie gesagt - nicht an die Interessen der Bewohner gedacht haben.

Was war Tenever für ein Projekt?

Das war hier ein Demonstrativ-Bauvorhaben des Bundes. Das heißt, die Creme de la Creme der Planer der 1960er Jahre haben hier dran gesessen. Man wollte zukünftiges Bauen schaffen. Also so baut man heute nicht mehr. Das ist eine städtebauliche Sünde gewesen. Aber das Schöne an Tenever ist, durch Engagement von vielen, vielen Menschen, sozialen Einrichtungen wurde Druck gemacht und auch mit Überzeugung der Politik ist es uns gelungen, weil wir eine städtische Wohnungsbaugesellschaft haben, ein von Eigentümern herunter gewirtschaftetes Quartier zu einem Vorzeigeobjekt zu machen, wie man menschenwürdige Wohnbedingungen und ein´guten sozialen´Zusammenhalt, zumindest in diesem Quartier herstellen kann.

Wer hat hier am Anfang gewohnt?

Hier haben breite Schichten der Bevölkerung gewohnt. Von Anfang an, wie man das angestrebt hat, weil es alles Sozialwohnungen waren. Und das hat sich aber sehr, sehr schnell ausdifferenziert durch Segregationsprozesse, durch einen entspannten Wohnungsmarkt, so dass immer stärker deutlich wurde, hier wohnen nur die, die über wenig Geld verfügen.

Was heißt breite Bevölkerungsschichten genau?

Arbeiter, Angestellte, Beamte, Arbeitslose auch Sozialhilfeempfänger, aber eben auch Piloten, Radio Bremen-Mitarbeiter etc. Die Wohnungen waren gut. Sehr großzügig, sehr groß. Das war Klasse. Aber

durch eine Entspannung auf dem Wohnungsmarkt,

durch Vernachlässigung, kam es dazu, dass immer mehr Menschen von Tenever weggezogen sind und dann wohnten hier nur noch die, die staatliche Transferleistungen erhalten haben. Das hat sich so geändert, dass Mitte der 80er Jahre hier 20% Leerstand herrschte und 25% Fluktuationsrate, das heißt statistisch gesehen, dass alle vier Jahre neue Leute hier eingezogen sind.

Wie kam es zu dieser Entwicklung?

Es ist so, dass bei Sozialwohnungen alle zwei Jahre eine Einkommensüberprüfung stattfindet und es eine Mietobergrenzen- Regelung gibt. Es konnte Vielen passieren, ob sie bei Daimler gearbeitet haben oder bei Atlas Elektronik oder beim Bundesbahn-Ausbesserungswerk, wenn Kinder aus der Familie eine Lehre angefangen haben oder mitverdient haben oder Mann und Frau gemeinsam gearbeitet haben – was man auch anstreben sollte -, dass sie dann aus den Fallgrenzen rausfielen. Und dann wurde für diese Personen nicht nach den Marktbedingungen eine Miete ermittelt, sondern nach gesetzlichen Vorgaben. Und das war für die Leute teuer. Dann haben sie gesagt, ich kaufe mir dann draußen ein eigenes Häuschen, statt die hohe Miete zu zahlen, zumal der Ruf des Stadtteils und das Image immer schlechter wurde, durch Vandalismus, fehlende Infrastruktur und soziale Einrichtungen. Und dadurch ist dieser Segregationsprozess beschleunigt worden, der dann durch die Gesamtpolitik und die gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte zu einer tief greifenden Spaltung unserer Gesellschaft in Arm und Reich beigetragen hat.

Um aus der Misere rauszukommen, gab es hier eine Bewegung. Wie hat das Ganze angefangen?

Ohne Bewegung und ohne Druck ändert sich ja sowieso wenig im Interesse der einfachen Leute. Das war hier so, dass offensichtliche Missstände immer deutlicher wurden, weil die Wohnungseigentümer immer weniger gemacht und immer mehr an Rendite gedacht haben. Die Bewohner hier sind sehr engagiert gewesen. Sie haben Demonstrationen gemacht, sie haben halt Aktionen gemacht und haben angeklagt und eingefordert, dass Tenever eine bessere Perspektive bekommt. Das wurde europaweit verbunden. Man merkte, dass überall solche Großsiedlungen Probleme hatten - das war ja kein teneverspezifisches Problem. Die Spaltung nahm zu und die Großsiedlungen waren besondere Problemlagen. Dann hat die Stadt Bremen hier und in weiteren benachteiligten Quartieren Bremens ein Forum und ein Programm eingerichtet, das man heute „Wohnen in Nachbarschaft“ oder „soziale Stadt“ nennt. Wir haben es hier 1988 „Nachbesserungsprogramm“ genannt. Und dabei wurde eine Mitbestimmung der Bewohner eingefordert. Da waren wir eigentlich als Bewohner besonders aktiv, das auch für uns einzufordern. Das ging soweit, dass wir diese Stadtteilgruppe immer genutzt haben, um unsere Forderungen und Probleme der Bewohnerschaft auf den Tisch zu legen in der direkten Diskussion mit der Politik und anderen Akteuren, wie den Schulen und den sozialen Einrichtungen des Stadtteils. Außerdem haben wir Geld für diese Stadteilgruppe gehabt, über das die Bewohner mitentscheiden konnten, Gelder für Verbesserungsprojekte. Davon haben wir internationale Gärten gebaut, Spielplätze saniert, Concierge geschaffen, ein ganz wichtiger Impuls für das verbesserte nachbarschaftliche Leben. Das ist unser Exportschlager, den haben alle Großsiedlungen in Deutschland mehr oder weniger von uns übernommen. Von dem Geld werden auch soziale Projekte gefördert,ein Kinderbauernhof geschaffen, Alphabetisierungskurse eingerichtet, spezifische Aktionen für Kinder oder ältere Leute oder für internationale Feste, z.B. Fastenbrechen, unterstützt. Die Bewohner wurden dadurch selbstbewusst. Sie haben die Erfahrung gemacht, sie können was bewirken.

Dann musste die Politik auch reagieren?

Ja! Der Höhepunkt war, dass durch diesen Druck der Stadteilgruppe und der Bewohnerschaft nach langer, langer Zeit, wir durchsetzen konnten, dass die Stadt mit Hilfe ihrer städtischen Wohnungsbaugesellschaft diese ganzen heruntergewirtschafteten Blöcke gekauft hat. Diese sind nach langer Diskussion entweder abgerissen oder aber tipptopp saniert worden, sodass jetzt der Stadtteil nicht wieder erkennbar ist. Das ist keine Unwirtlichkeit der Städte mehr, sondern ein ganz normales modernes Wohnen mit hellen, freundlichen und sehr familienfreundlichen Freiflächen. Draußen sind viele Spielmöglichkeiten, ganz viele Kindergartenplätze, gute, engagierte soziale Einrichtungen, die dazu geführt haben, dass heute überall sehr gutes internationales Leben mit menschenwürdigen Wohnbedingungen stattfindet.

Wie hat dein persönliches Engagement angefangen?

Ich war Bewohneraktivist hier und habe gemeinsam mit Anderen einen Bewohnertreff mitbegründet, mich für die Mieterinteressen eingesetzt und mich im Jahre 1990 für die neu geschaffene Stelle eines Quartier-Managements beworben. Ich wurde mit der Unterstützung der Bewohner als erster Quartiersmanager eingestellt. Ich habe mich immer mit einemgroßen Herzen als Bewohner, aber auch gemeinsam in Kooperation mit den anderen Akteuren, dafür eingesetzt, dass die Lage in Tenever sich verbessert.

Wie viele Menschen leben zur Zeit hier im Hochhausviertel und wie ist die Zusammensetzung?

Hier im Hochhausviertel Tenever wohnen gut 5.500 Menschen, davon ca. 70 % mit einem Migrationshintergrund. Wir fragen nicht, wer integriert wen in was und wie. Wir sind international und das ist die Zukunft und dadurch ist die weltweite Immigrationsbewegung entstanden. Die Migration ist hervorgerufen gerade durch unser Land, seine Exportweltmeisterpolitik und durch die Beteiligung an den Kriegen. Wir haben auch viele Flüchtlinge bei uns in Tenever, die unter einer sehr schwierigen Duldungssituation stehen. Für die wir uns aber solidarisch einsetzen, dass sie nicht abgeschoben werden, weil sie Bestandteil unserer Nachbarschaft sind. Heute können wir sagen, wir haben einen Stand erreicht, dass wir von einem gewöhnten, akzeptierten Nebeneinander und Miteinander dieser Nationalitäten ausgehen können. Bei den Jugendlichen und Kindern ist es automatisch so. Sie sind wie Brüder und Schwestern. Und das ist normal und zukunftsträchtig. Entscheidend ist es, dass diese Kinder und Jugendlichen klare Perspektiven bekommen. Die ethnischen Fragen, die religiösen Fragen sind alle interessant und wichtig. Da kann man sich austauschen und viel diskutieren. Aber entscheidend – das ist die Tenever Erfahrung- sind die sozialen Fragen:
Haben die Leute Arbeit? Können sie teilhaben am gesellschaftlichen Leben? Werden sie akzeptiert? Haben sie Perspektiven für ihre Kinder? Das ist das A und O.

Welche Probleme bleiben nach deiner Meinung noch im Hochhausviertel Tenever?

Wichtig ist, dass die beiden Häuser an der Neuwieder Str. 1 und 3 auch noch saniert werden. Wir brauchen noch Kindergartenplätze vor allem für unsere die einbis dreijährigen Kinder. Aber ganz wichtig ist Kritik und schärfste Anklage gegenüber Arbeitslosigkeit. Die meisten Teneveraner arbeiten ja, aber für Stundenlöhne von vier Euro, fünf Euro oder 7,30 Euro, wovon man keine Familie ernähren kann und man demütigend zum Amt gehen und um Unterstützung bitten muss. Das ist erschütternd und das ist menschenunwürdig.

Dieses Interview stammt aus der Seniorenzeitung "Wir" (Ausgabe 16, September 2011) Herausgeber: Arbeit und Leben Bremen e.V.
Das Interview führten Orhan Çalışır und Hugo Köser