Die Zukunft des urbanen Lebens

Ruth Feindel im Gespräch mit Joachim Barloschky

Joachim Barloschky lebt seit Anfang der 1980er in Tenever, Hochhaussiedlung und sozialer Brennpunkt in Bremen. Mittlerweile arbeitet er dort als "Quartiersmanager des Amts für soziale Dienste". Er hat mit seiner Vision eines klassenlosen, internationalen Stadtteils viel Aufsehen erregt und stellt das Projekt im Rahmen von Brandherde: - Fürchtet Euch nicht! in München vor.

Herr Barloschky, was ist das Außergewöhnliche an dem Stadtteil Tenever und
seinen Bewohnern?

Erstmal sind wir Teneveraner wie alle Menschen überall sonst auf der Welt:
wir lachen und weinen, wir hassen und lieben, sind hoffnungsfroh oder resigniert, apathisch oder voller Power. Aber wir haben fünf Besonderheiten:

Wir sind hoch, jung, international, leider arm - aber glücklicherweise engagiert. Der Umgang mit der städtebaulichen Sünde aus den 1970er, diesem Demonstrativbauvorhaben Hochhausquartier Tenever, war in den 1980er durch zwei Alternativen gekennzeichnet: Mit Vorschlaghammer oder Pinzette. Wir aber waren der Auffassung, dass allein die BewohnerInnen über ihre Zukunft entscheiden sollten. Das ist dann auch die Grundidee geworden: Vom Demonstrativbauvorhaben zum Demokratievorhaben. Dazu haben wir die Stadtteilgruppe gebildet, ein öffentliches, lokales Forum. Hier treffen sich alle sechs Wochen die, die in Tenever leben, arbeiten (z.B. in Schulen, Kitas, sozialen Einrichtungen und Projekten) oder dort Geschäfte
haben. Also die BewohnerInnen, die Leute der Wohnungsgesellschaften, Politik und Verwaltung, sowie die lokale Ökonomie. Diese ist allerdings in dieser als Schlafstadt konzipierten Großsiedlung schwach ausgeprägt. Sie treffen sich, um über alles, was Teneveraner bewegt, zu reden, ihre
Sichtweisen darzulegen oder schnell Abhilfe zu schaffen. Wir führen gemeinsam den Quartiersdiskurs und geben Tenever so auch eine hörbare Stimme in der Gesamtstadt. Und in der Stadtteil-Gruppe wird über Projekte zur Verbesserung der Wohn- und Lebenssituation beraten und entschieden - und
zwar im Konsens. Das heißt, alle, auch die BewohnerInnen, haben ein Vetorecht. Als materielle Grundlage für die Projekte haben wir die Programme Soziale Stadt, WiN Wohnen in Nachbarschaften und LOS ins Leben gerufen. Für die kleinen und großen Verbesserungsprojekte stehen insgesamt jährlich ca. 350.000 € zur Verfügung: Kinder-Bauernhof, Halle für Bewegung, Alphabetisierungskurse, Conciergen, Deutschkurse, Ferien-Programme, interkulturelle Werkstatt mit internationalen Gärten, Kinderkulturprojekte, Frauen-Gesundheitstreff und Mütterzentrum, Beschäftigungs- und Qualifizierungsprojekte, Kulturaktionen, Feste und anderes mehr.

Sie sind selbst langjähriger Bewohner der Siedlung in Bremen und zugleich arbeiten sie dort als Quartiersmanager des Amts für Soziale Dienste. Wie wurden Sie Bewohner von Tenever? Haben Wohnen und Arbeiten zwangsläufig miteinander zu tun? Was genau verbirgt sich hinter ihrer Berufsbezeichnung?

Ich wohne in Tenever, weil ich für meine Familie mit drei Kindern eine große Wohnung brauchte - und Tenever liegt im Grünen, hat gute Kindergärten und Schulen. Arbeiten und Wohnen sind zentrale Elemente des Lebens, passen also gut zusammen. Deshalb habe ich mich als Bewohner ehrenamtlich für mein Quartier engagiert, für Verbesserungen, habe Demos gegen Miet- und
Betriebskostenerhöhungen organisiert, einen aktiven Bewohnertreff mitgegründet und die sozialen und baulichen Zustände des Quartiers kritisiert. Und als dann 1990 so eine Art Quartiersmanagement von der Stadt gebildet wurde, haben mich die BewohnerInnen und sozialen Einrichtungen für diesen Job vorgeschlagen - und gegen den Einstellungsstopp im öffentlichen
Dienst durchgesetzt. Quartiersmanagement heißt, das Quartier ganzheitlich zu betrachten - und mit
den BewohnerInnen und den anderen Akteuren der Stadtteil-Gruppe zu verändern, zu stabilisieren, Ideen zu entwickeln, Projekte mit Bewohnerbeteiligung zu organisieren. Tenever noch lebendiger machen. Und Sprachrohr in die Gesamtstadt sein.

Sie sind der Überzeugung, Partizipation sei der Schlüssel zur Lösung der Probleme, die die Bewohner haben. Wie gelingt es, Menschen, die vom Leben desillusioniert sind und die ihre soziale Randständigkeit verinnerlicht haben, für ein Selbstengagement zu motivieren?

Partizipation ist kein Schlüssel zur Lösung von Problemen, sondern sollte eine Selbstverständlichkeit im täglichen Leben sein. Wer will schon fremdbestimmt leben? Soll man nicht das, was einen betrifft, selber in die Hand nehmen oder gemeinsam mit anderen beeinflussen und Möglichkeiten haben, seine Interessen zum Ausdruck zu bringen? "Was sind schon Städte / gebaut ohne die Weisheit des Volkes", hat Bertolt Brecht gedichtet. Zu Selbstengagement motiviert man, indem man die BewohnerInnen ernst nimmt! Empathie entwickeln und ausstrahlen. Das sollte man als innere Haltung und durchgängiges Prinzip in allen sozialen und Bildungseinrichtungen entwickeln, fördern, einfordern. Und Räume schaffen, im materiellen und übertragenen Sinn. BewohnerInnen, gerade die, die sich wegen Armut Bildung und Kultur nicht kaufen können, brauchen Räume, um sich zu treffen, wohnortnahe soziale und kulturelle Angebote zum Mitmachen, zum Kommunizieren, zum sich Wohlfühlen. Man muss den BewohnerInnen Möglichkeiten bieten, sich Gehör zu verschaffen. Der Bedarf der BewohnerInnen muss aufgegriffen werden und passende Angebote, Projekte müssen gerade auch mit unseren Möglichkeiten der finanziellen Projektunterstützung entwickelt werden. Partizipation bedeutet eben auch: Aktion, Eintreten für seine Interessen. Es gibt genügend Beispiele: Die Badewannenaktion zum Erhalt des Hallenbades Tenever (das als Erfolg jetzt sogar ausgebaut wird), die Demonstration für den neuen Kindergarten, die Errichtung von neuen Parkbänken, die Demo gegen Rassismus und Nazis, oder auch die praktische Mithilfe bei Festen, Seminaren, dem internationalen Buffet, die Initiative vieler Jugendlicher, die sich mit Unterschriftensammlungen, Petitionen (nie zuvor hat ein Jugendlicher gewusst, was ein Petitions-Ausschuss ist), Pressekonferenzen (die erste ihres Lebens), Besuchen bei Politikern etc. für ihren Kumpel eingesetzt haben, der als Zweijähriger mit seinen Eltern nach Bremen gekommen ist und nun als Zwanzigjähriger abgeschoben werden sollte. Diese letztlich erfolgreiche Partizipation war ein Lehrbeispiel für politische Bildung!

Würde Tenever ohne Sie funktionieren, oder sind solche Projekte immer auf
eine Leitfigur angewiesen, die den Zusammenhalt gewissermaßen "emotional
" garantiert, der zuliebe man sich motiviert?

Grundlage von Tenever bin nicht ich, sondern viele engagierte TeneveranerInnen und sehr engagierte Kita- und EinrichtungskollegInnen, die eine klare Gemeinwesenorientierung haben. Leitfiguren und Emotionen und das Engagement einzelner ist immer gut und wird benötigt, wird aber nicht nur von einem allein eingebracht. Wir haben im Laufe der Jahre ein tolles Netzwerk entwickelt, da hilft einer dem anderen, neue Ideen und Aktionen ergeben sich. Da ich schon sehr lange hier bin und mit großem Engagement arbeite, spiele ich als "ideeller Gesamtteneveraner" für die Öffentlichkeit vielleicht eine besondere Rolle.

In einer Spiegel-Reportage wird Tenever als selbstorganisiertes "Sozialstaatparadies" bezeichnet. Funktioniert Tenever als internationale
Gesellschaft, weil sie klein, überschaubar, in sich geschlossen ist, oder ist sie in die Gesamtgesellschaft integriert?

"Sozialstaatparadies"? Durch den Neoliberalismus in Wirtschaft und Politik haben wir doch in den letzten Jahrzehnten einen drastischen Sozialstaatabbau gehabt. Das Soziale wurde entwertet; Hartz IV hat mehr Armut geschaffen, die Privatisierung ist Enteignung des Volkseigentums. Im Ergebnis verschärfte sich durch Segregation die Spaltung der Gesellschaft, so dass man an Bertolt Brechts Gedicht Die große Decke erinnert wird: "Der Gouverneur, von mir befragt, was nötig wäre / Den Frierenden in unserer Stadt zu helfen / Antwortete: Eine Decke, zehntausend Fuß lang / die die
ganzen Vorstädte einfach zudeckt." Nun ist es glücklicherweise nicht so, dass man einfach eine große Decke über die Hochhäuser ziehen kann. Das hätten die Betroffenen auch nicht zugelassen. Unsere Stadt hat vielmehr mit dem Programm Wohnen in Nachbarschaften - WiN den benachteiligten Quartieren Aufmerksamkeit geschenkt. Zwar noch nicht genug, aber unser Engagement hat sich gelohnt. Die gesellschaftlichen Verarmungsprozesse konnten verlangsamt werden. Viele neue Einrichtungen wie der Kinderbauernhof, die Halle für Bewegung und andere mehr konnten geschaffen werden. Und schließlich hat die Stadt Bremen nach jahrzehntelangen Forderungen und Aktivitäten mit viel Geld und ihrer kommunalen Wohnungsgesellschaft GE-WOBA (da sieht man, wie wichtig kommunale Wohnungsgesellschaften sind - in Bremen sind die Versuche, sie zu privatisieren endgültig zurückgewiesen worden) eine grundlegende bauliche und städtebauliche Sanierung (Pilotprojekt Stadtumbau West) des Hochhausviertels eingeleitet. Zur Zufriedenheit der Stadt - und vor allem zur Zufriedenheit der Bewohner. Sicherlich ist es von Vorteil, dass Tenever überschaubar ist, ein bisschen Dorf. Jeder kennt jeden. So gesehen funktioniert Tenever. Aber es ist am Rande der Stadt; und viele seiner Bewohner am Rande der Gesellschaft. Dass wir die Sanierung durchgesetzt
haben, zeigt aber, dass wir Bestandteil der gesamten Stadtgesellschaft sind, dass Tenever auch im Zentrum gehört wird. Denn die Erkenntnis wächst, dass Quartiere wie Tenever eine große Integrationsleistung für die Gesamtstadt erbringen. Deshalb fordern wir auch selbstbewusst die Unterstützung der Stadt ein. Und die könnte ruhig noch größer sein.

Unsere Gesellschaft ist schon jetzt viel heterogener und migrantischer als es in vielen Köpfen und in den politischen Strukturen wahrgenommen wird. Ist Tenever ein gelingendes Modell dafür, wie internationales, urbanes Leben der Zukunft aussehen kann?

Die Internationalität ist bereichernd, Toleranz fördernd und fordernd. Bei uns in der Stadtteilgruppe, wo sehr direkt diskutiert wird, sind die MigrantInnen gleichberechtigt dabei. Auch mit ihren spezifischen Wünschen und Forderungen, egal ob es um die internationalen Gärten, die interkulturelle Werkstatt, die nationalen, religiösen oder kulturellen Feste geht. So gesehen ist Tenever ein gelingendes Modell. Aber die
Exklusion durch Armut, Alltagsrassismus, fehlendes Wahlrecht für Ausländer,
Abschiebungsdrohungen etc. sollten natürlich nicht Bestandteil des
Modellhaften sein.

Kommen andere Städte, Stadtteile auf Sie zu, um von Tenever zu lernen?

Ja, wir arbeiten zusammen. Eine der schönsten Begegnungen hatten wir mit dem
Bewohnerstammtisch des Münchner Hasenbergl. Gelernt wird dabei wechselseitig
und gemeinsam. Wir erhalten auch viel Besuch von Architekten, Stadtplanern,
Gemeinwesenarbeitern, vielen Studentengruppen und aus anderen Quartieren.
Und unsere Conciergen sind der größte Exportschlager Tenevers. Auch wenn wir
die Grundidee aus Frankreich importiert haben, hatten wir die erste Concierge in einer westdeutschen Großsiedlung. Da verbinden wir Arbeit für Arbeitslose mit bewohnerorientierten Dienstleistungen. Dadurch bearbeiten wir ein ganz klein wenig unser Hauptproblem Arbeitslosigkeit und gleichzeitig fördern wir die Nachbarschaft in den großen Hoch-hauskomplexen mit ihren 130 oder 200 Wohnungen. Ansonsten berichten wir auch viel auf internationalen Foren (Straßburg, Paris, Warschau, Rotterdam), insbesondere über das basisdemokratische Partizipationsmodell und das internationale Zusammenleben in unserem Quartier. Grundsatz dabei ist, dass wir immer BewohnerInnen oder Jugendliche mitnehmen, damit die Experten ihres Alltags, die, um die es geht, selber aktiv und authentisch eingreifen. Mein Traum ist, dass es endlich einmal ein bundesweites Treffen der engagierten BewohnerInnen aus den benachteiligten Quartieren gibt - und nicht nur dauernd irgendwelche (auch wichtigen) Treffen von Planern, Verwaltern oder anderen Profis. Mein spannendstes Erlebnis war, dass die Stadtverwaltung von Yokohama - diese japanische Stadt auf einer Fläche von der Größe Bremens hat sechsmal so viele Einwohner wie Bremen - und die Hosei-Universität von Tokio mich 2005 eingeladen haben, um unser Demokratie-Projekt vorzustellen, um so die Selbstorganisation und das Bewohnerengagement in Japan zu stärken.