Das Viertel isst

Eine soziale und inkludierende Stadt entwickeln – geht das in einer gespaltenen Gesellschaft?! Gemeinsinn heute entwickeln!

16.11.2011 Bremen Gemeindehaus der Friedenskirche Impuls Joachim Barloschky, 21 Jahre Quartiersmanager in Bremen-Tenever

Solidarität – Vernetzung – Aktion Teilhabe für jede / jeden in allen Lebensbereichen in Bremen-Tenever !?

Ich bedanke mich für die Einladung mit der Engagierte aus dem Viertel einen Brückenschlag von dem guten und lebendigen Bremer Viertel an den Stadtrand nach Tenever ermöglichen.
Nun ist das Viertel natürlich uns Teneveranern nicht fremd:

  • So arbeiten etliche Tamilen, die in Sri Lanka zur Creme der creme ihres Landes gehörten vielfach als Köche und Küchenhilfen in Restaurants im Viertel – weil ihre Bildungsabschlüsse hier nicht anerkannt werden.
  • Einige arbeiten im Krankenhaus als Krankenpfleger und Reinigungskräfte bzw. wurden im Klinikum Mitte geheilt
  • Manch Bewohner der 80/90er Jahre ist – fliehend vor unwirtlichen Wohnbedingungen auch hierher gezogen
  • Manche Jugendliche genießen ihre Freizeit im Viertel – wenngleich da das fehlende Geld und auch die eigenen kulturellen Vorlieben Grenzen setzen
  • Und einige lernten über unser WiN-Projekt Kul-Tour das Bremer Theater, Kunsthalle etc. kennen (mit Vor- und Nachbereitung vor allem aber ohne Kosten, da WiN finanziert)

Also es gibt Bezüge – andersrum auch - aber deutlich geringer:

  • Mancher war vielleicht mit seinen Kindern beim Kinderbauernhof Tenever im OTe-Hallenbad oder feierte Geburtstag mit ihnen in der Halle für Bewegung
  • Und der eine oder andere Lehrer oder sozial Arbeitende hat hier sein Häuschen und wirkt in einer der Teneveraner Schulen oder Einrichtungen

Auf jeden Fall sind wir Nachbarinnen und Nachbarn in einer gemeinsamen schönen Stadt Bremen Von dorther leistet diese Veranstaltung zumindest indirekt einen Beitrag zur Großen Aufgabe den sozialen Zusammenhalt in dieser Stadt zu stärken. Und Teilhabe zu gewährleisten.

„Teilhabe für alle und jeden!“ – Geht das in einem Stadtteil der Exkludierten?

Überhaupt, Leben oder Inklusion im Stadtteil? Warum ist das eigentlich eine besondere Fragestellung? Gilt nicht überall: Leben braucht eine menschenwürdige Wohnung, Essen und Trinken, Zuwendung, Respekt, und Teilhabe. Teilhabe an den menschlichen und gesellschaftlichen Möglichkeiten: Arbeit, Bildung, Kultur, Gesundheit. Streben nach Glück. Und Möglichkeiten des Machens und Mitmachens; des Selbstgestaltens. Meine These: Das Leben der Menschen findet (neben dem Betrieb) im Wohnquartier statt. Und das gilt für solche reinen Wohngebiete wie Tenever ganz besonders Denn: Denkt man an die Kinder und Jugendlichen, viele Mütter, die Älteren und Arbeitslosen, die Kranken und Gehandicapten ist die Wohnung und das Wohnquartier sogar der absolute Lebensmittelpunkt für 24 Std. / Tag. Wie leben wir in unseren Stadtteilen? Welche Möglichkeiten (oder nicht) gibt es in den Stadt-und Ortsteilen ein lebendiges Leben zu führen; allein und gemeinsam mit anderen? Wie können unsere Stadtteile Teilhabe gewährleisten? Unsere Stadtteile??? Es gibt sehr verschiedene Stadtteile; insbesondere wenn ich an die zunehmende Spaltung der Gesellschaft und der Städte in arm und reich denke. (und so übrigens die verschiedenen Gruppen auch immer weniger miteinander zu tun haben und so auch wenig wissen von den jeweiligen Lebensrealitäten) Ich weiß, auch in reichen Villen-Vierteln und im Viertel kann man seelisch krank werden oder gehandicapt sein. (aber immer mehr Menschen werden insbesondere durch materielle und soziale Benachteiligung ausgegrenzt von Teilhabe-Möglichkeiten). Ich komme aus einem Wohn-Quartier, wo manch einer nicht überrascht wäre, würde ich zum Thema referieren:(Seelisch) krank werden und bleiben - im Stadtteil. Denn in Tenever, von Planern, die die gesellschaftliche Entwicklung nicht richtig antizipiert hatten, als Wohnanlage der Zukunft Anfang der Siebziger Jahre errichtet, wurde schnell klar: „Der Architekt jedoch entfloh / nach Afri- od Americo“ (Christian Morgenstern).

Oder, um mit Zille zu sprechen: „Man kann mit einer Wohnung auch einen Menschen erschlagen“.

Aber Tenever ist ein Ort, an dem wir bereits seit vielen Jahren inkludierendes Handeln gegen reale Exklusion setzen. Die Erfahrungen der gesellschaftlich strukturierten Ausgrenzung haben die Bewohner/innen unseres Stadtteils schon früh –mehr oder weniger bewusst – veranlasst, eine Haltung und Engagement zu entwickeln, die Ausgrenzung bekämpft und um Inklusion ringt (ohne dass das Wort in den Mund genommen wurde): den Anspruch auf Würde, Respekt und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben einzufordern und zum Teil durchzusetzen! - mit Kampf und Engagement.

Und wir haben von den Bremer Stadtmusikanten gelernt: Iaah, Iaah; wow wow, miau miau, Kikeriki, Kikeriki! Esel, Hund, Katze und Hahn bildeten die erste interkulturelle Selbsthilfegruppe, die sich solidarisch für ihre Interessen einsetzte - und so auch die Räuber verjagte.

Aber seien Sie erstmal ganz unbesorgt: In Tenever sind wir so wie überall auf der Welt, wie in Darmstadt, München oder wo auch immer: wir lachen und weinen, wir lieben und hassen, wir hoffen und verzweifeln, sind apathisch oder voller Power – wir sind wie Sie.

Wir sind so wie Sie – aber wir haben 5 Besonderheiten
1. Hoch
– ein Hochhausviertel mit 5.000 Einwohnern, das Anfang der 70er Jahre als Demonstrativbauvorhaben des Bundes errichtet und in kürzester Zeit von den Eigentümern und Spekulanten heruntergewirtschaftet wurde.
2. Jung – ein Drittel der Bewohner/innen ist unter 21 Jahre. Zum Vergleich: Im Viertel (Steintor, Fesenfeld, Peterswerder , Hulsberg) leben gesamt knapp 30.000 Bewohner. 11,8% sind unter 18 Jahren; bei uns sind es
mehr als doppelt so viel: 25%. Bei uns wächst also die Zukunft Bremens auf - und die Zukunft der Rentenversicherung!

In diesem Zusammenhang eine Erfahrung aus dem OTe- Stadtteilhaus der Heimstiftung, die ihr ja mit dem Fundamt, dem Haus der Bremer Heimstiftung auch im Viertel gesammelt habt. Im Quartier wohnen (bleiben) hat für die SeniorInnen den großen Vorteil – dass sie in ihrem Quartier bleiben können, vertraut sind, vor allem aber dass Leben herrscht – vornehmlich über die Kinder und mit ihnen verbunden vielfältige Angebote, Räumlichkeiten, Chancen für Gemeinsamkeiten und gemeinsame Nutzung von Räumen. Aber wie inklusiv sind die Kinder wirklich geachteter Bestandteil der Gesellschaft, wenn man an die Armut denkt? Daran ändert auch der neue „Bildungs- und Teilhabe-Gutschein“ nichts: Er stigmatisiert statt inkludiert und frisst den Großteil der Mittel und Zeiten für den bürokratischen Aufwand. 145 Euro pro Monat für Nachhilfe – Lerngruppen mit beschämenden Löhnen an den Schulen; Bürokratie-Aufwand; null Ersatz für Kitas und soziale Einrichtungen, Sportvereine.

Ein Zeichen von Inklusion wäre es gewesen, ALG II einfach verfassungsgemäß zu erhöhen – es kommt auch eine Haltung gegen Arme auf, die „sozial schwach“; Heitmeyer: gerade Abwertung durch Besserverdiendede.

3. International – in Tenever leben Menschen aus 90 Nationen, der Migrationsanteil beträgt ca. 65 %, bei Kindern und Jugendlichen über 80%. Auch hiernoch mal zum Vergleich Zahlen: 18,5% haben in der östlichen Vorstadt einen Migrationshintergrund, wobei auffällig ist, dass mit 553 der Anteil der Aussiedler/innen marginal ist.

Wir fragen nicht: „Wer integriert hier wen in was?“ Wir sagen: International ist die Zukunft. Es gibt ein gewöhntes akzeptiertes Neben- und Miteinander, aber nach wie vor werden den Migranten gleiche Rechte abgesprochen und sie spüren den täglichen Alltagsrassismus. (Flüchtlinge). Ganz aktuell: Wahlrecht für Ausländer. Große Chance verpasst bei dem neuen Beirätegesetz, obwohl solche wie ich, das immer eingefordert haben. Es ist doch abstrus, dass wir Steuern zahlen, an Hausversammlungen alle gleichberechtigt teilnehmen, in der Stadtteilgruppe Tenever auch Ausländer ihr Vetorecht wie alle anderen Akteure einlegen können, Betriebsräte gemeinsam gewählt werden und Aufsichtsräte auch (und von denen weiß man ja langsam dass sie wichtiger sind und mehr Macht haben als Politiker). Ich freue mich, dass jetzt über die SPD-Fraktion ein neuer Anlauf, der hoffentlich nicht nur von Grünen und Linken unterstützt wird. Verstanden habe ich nicht, warum eine erneute Differenzierung zwischen EU- und Dritt-Staaten-Bürgern gemacht werden soll, weil es doch wahrscheinlicher ist, dass die Dritt-Staaten-Bürger ihre Einbürgerung im Laufe der Jahre beantragen werden als z.B. Franzosen. Hier haben wir alle noch viel zu leisten im Sinne des Inklusionsgedankens.

4. Arm – Das bedeutet ausgegrenzt sein von gesellschaftlicher Teilhabe, von Reichtum und Kultur unserer Gesellschaft; von Bildung (PISA Mehr Arbeiterkinder an die Uni – 68er Transparent. Leider heute aktuell wieder vorholbar! Solidarität mit Eltern, Schülern und Lehrern die sich gestern für mehr Geld für die Bildung eingesetzt haben.) und Gesundheit. Die Armut ist das zentrale Problem. 60-80% der Hochhaus-Kinder sind auf Transferleistungen angewiesen (Vergleich: 9,3% der Viertel-Bewohner/innen erhalten HartzIV, im Ortsteil Tenever sind es 31,8%), und das obgleich die meisten Teneveraner arbeiten; allerdings zu Stundenlöhnen von 4-8 Euro, so dass man ergänzend noch gedemütigt zum Amt gehen muss (Aufstocker). Alle Inklusion wird immer auch materielle Voraussetzungen haben. Das verlangt gesellschaftliche Gerechtigkeit und eine allen Menschen zugute kommende Verteilung von Reichtum.

Aber fünftens sind wir eben auch engagiert, vernetzt, aktiv – Das zentrale Ergebnis dieser 5. Besonderheit ist die umfassende Sanierung Tenevers – Dank der Hilfe der ganzen Stadt Bremen und der städtischen Wohnungsgesellschaft GEWOBA (Pilotprojekt Stadtumbau West). Ein Drittel der heruntergewirtschafteten Hochhausblöcke wurde abgerissen. Der Großteil der verbliebenen Blöcke wurde tipp topp saniert (Wärmedämmung, neue Fenster, neue Eingangsbereiche, in den Wohnungen neue Bäder und Küchen etc.). Hinzu kamen städtebauliche Maßnahmen und eine wunderbare Freiflächengestaltung.

Nunmehr wurden menschenwürdige Wohnbedingungen geschaffen - Hinweis auf Neuwieder Str. 1und 3; HedgeFonds. Kann man das nicht verbieten Na, es war die Bundespolitik, die das erst eingeführt hat. Perspektive Gewoba kauft und saniert. Warum das nicht funktioniert bisher: Hinweis auf Bildungsurlaub im April vom Ev. Bildungswerk zum Thema „Schmarotzer in Nadelstreifen?“ (was nicht heißt, dass es keine Probleme mehr gibt; ja die Dramen durch Armut, Ausgrenzung, nahezu rechtloser Lage der Flüchtlinge etc. etc. sind geblieben).

Aus all dem lernt man, wie wichtig eine städtische Wohnungsgesellschaft ist! Dieses Ergebnis ist u.a. die Konsequenz aus Aktionen, Demos, Petitionen, Einmischen, Einladungen an Verantwortliche, Lösungsvorschlägen der BewohnerInnen etc. Es ist das Ergebnis des Engagements vieler Akteure und ihres Zusammenwirkens in der Stadtteilgruppe Tenever. Eine für viele dabei gesammelte Erfahrung: Selbstwirksamkeit.

Man rennt nicht nur gegen Wände und Gummiwände, man muss nicht nur (er)leiden - man kann sich wehren, verändern, beeinflussen! Man / frau ist was wert. Man/frau schafft was.

2. Stadtteilgruppe Tenever
Die Stadtteilgruppe Tenever gibt es seit 1989. Sie ist ein öffentliches Forum, das sich alle sechs Wochen (180 Sitzungen bis heute)trifft. Und zwar treffen sich alle, denen Tenever am Herzen liegt. Es treffen sich die, die hier leben, arbeiten oder Verantwortung für das Gemeinwesen haben (Politik, Wohnungsunternehmen, Bewohner/Bewohnergruppen, soziale und schulische Einrichtungen, Gewerbetreibende und die öffentliche Verwaltung)

Was passiert auf diesen Sitzungen?
1. Die ersten anderthalb Stunden findet der „Quartiersdiskurs“ statt. Das ist kein „professioneller“, gar wissenschaftlicher Diskurs – sondern das Leben selber: Da geht es um die brennenden Probleme des Quartiers; Ideen, Anfragen, Forderungen, Wünsche, z.B.

  • Drohende Schließung einer Stadtteilbibliothek oder des Hallenbades OTe-Bad - -occupied ?
  • Dreck vor dem Hochhaus oder Ärger über zu hohe Mieten?
  • Aus dem Gully stinkt es ?
  • Oder ausländische und deutsche Frauen und massenhaft Jugendliche setzen sich für ihre Halle für Bewegung ein

Jede und jeder, gerade die Bewohnerinnen und Bewohner können ansprechen was sie bewegt –und die Ansprechpartner, z.B. die öffentliche Verwaltung oder die Wohnungsgesellschaft sitzen mit am Tisch. So werden

  • schnelle Lösungen gefunden oder ?
  • Argumente für andere Sichtweisen verdeutlicht oder ?
  • es entwickeln sich sogar mittelfristige Projekte daraus.

2. Projektentwicklung
Und es geht um neue Verbesserungsprojekte für das Quartier. Sie werden vorgestellt, diskutiert und verändert – und Finanzmittel aus dem gemeinsamen Quartiersbudget WiN-Wohnen in Nachbarschaften und Soziale Stadt zur Verfügung gestellt. Und zwar im Konsens. Allein in den letzten 20 Jahren wurden ca. 630 große oder kleine Projekte initiiert und auch beschlossen und mit 500 – 200.000 € aus dem Stadtteilbudget unterstützt.

Projektbeispiele – und ihre Bedeutung für das nachbarschaftliche Leben

  • Der Kinderbauernhof, entstanden aus einer Initiative von BewohnerInnen und an der Arbeit pädagogisch Interessierten, ist ein schönes Naherholungsgebiet für die Hochhausbewohner (und bietet so ehemals, aktuell oder zukünftig seelisch Kranken eine ruhige, „sichere“, Beziehungen zu Mensch, Tier, Natur ermöglichenden Raum). Und es bietet für die Kinder in diesem kinderreichsten Quartier, aber eben auch für Erwachsende Möglichkeiten, Verantwortung zu übernehmen und für manchen ehrenamtliche oder beschäftigungswirksame sinnvolle Arbeit.
  • Die Interkulturellen Gärten sind ebenfalls aus einer – vorwiegend – migrantischen Bewohnerinitiative entstanden; und zwar schnell: Nach einem Auftritt von 10 BewohnerInnen auf der Stadtteilgruppe mit dem Wunsch, Grabeland zu erhalten. Nach einem halben Jahr und mit etwas finanzieller und organisatorischer Hilfe der Stadtteilgruppe pflanzen nun schon seit acht Jahren 45 Familien, russische, türkische, kurdische, polnische, deutsche, marokkanische, libanesische etc. auf je 150 qm ihre Nutzpflanzen an, helfen sich gegenseitig, lernen und leben Interkulturalität. Haben sinnvolle Betätigung (gerade Arbeitslose und Alte) und sparen Geldausgaben für Gemüse etc.
  • Einrichtung von Conciergen (Pförtnern) in Hochhäusern mit mehr als 100 Wohneinheiten. Hier finden gerade ältere Arbeitslose eine sinnvolle, wohnortnahe Beschäftigung (allerdings fast nur über den 2. Arbeitsmarkt) und erbringen Serviceleistungen für die Bewohner und stärken die objektive und subjektive Sicherheit. Apropos 2. Arbeitsmarkt 1€ ?
  • Unterstützung von Selbsthilfegruppen der Jugend (selbstorganisierter Kraftsportraum für ca. 60 Jugendliche)
  • Mütterzentrum und Frauengesundheit Tenever bieten Frauen wichtigste Hilfestellungen und Unterstützung; natürlich in gesundheitlichen Fragen, aber auch in allen Fragen des Wohlbefindens; z.B. mit Alphabetisierungskursen und dem monatlichen Frauenbadetag in unserem Hallenbad. Das ist gerade für unsere muslimischen Frauen eine wunderschöne Entwicklung. Oder Radfahr-Lernkurse, damit die Mütter mit ihren Kindern in die schöne Umgebung gemeinsam radeln können.
  • Die Seniorenwerkstatt und weitere Senioren-Einrichtungen organisieren nicht für die Senioren sondern mit ihnen Programme, Aktivitäten, das „älteste Seminar Bremens“ und einmal im Jahr das große Seniorentreffen aller Alten – immer mit spannenden Themen (Kampf um die Ampel, Liebe im Alter, Altersarmut)
  • Besonders möchte ich hier erwähnen das Café „Abseits“. Es ist hervorgegangen aus einer Initiative ehemaliger Drogen- und Alkoholabhängiger. Durch ihr Mitwirken in der Stadtteilgruppe erhielten sie leerstehende Wohnungen als Treffpunkt, gestalteten sich ihr Café und wirken hilfreich und durch die eigenen Erfahrungen häufig glaubwürdiger in der Präventionsarbeit. Heute sind sie ein Treffpunkt, getragen von Ehrenamtlichen und 2. Arbeitsmarkt-Beschäftigten, für viele „Einsame“, Verarmte, und ehemalige oder aktuell Suchtkranke. Es gibt eine Waschmaschine da, praktische Hilfen, Spritzenautomaten und eine Ausgabestelle der „Bremer Tafel“. Sie können sich denken, dass es in der Stadtteilgruppe durchaus Diskussionen gab, als es um die Finanzierung der Betriebs- oder Umbaukosten aus unserem Quartiersbudget ging: „Geld für die Säufer?“ – und trotzdem Konsens in der Stadtteilgruppe nach dem Auftreten der Akteure in der Stadtteilgruppe. Denn es sind „unsere“ Leute, unsere Bewohner – und sie haben ein Recht auf Würde und Hilfe!
  • Kitas - besonders wenn sie familienorientiert arbeiten. Hier werden die Eltern erreicht, die jeden Tag „ihr Bestes“, ihre Kinder vertrauensvoll abgeben. Über dieses Vertrauen erfahren die Kita-MitarbeiterInnen vieles – und können unterstützen, Krisenintervention betreiben, weitervermitteln, selbst Angebote für die Eltern unterbreiten etc.
  • Das Arbeitslosenzentrum / Café Abseits mit Bremer Tafel. Das ist existenziell. Hier bekommt man kostenlos Beratung zu den ALG II – Bescheiden, Widersprüche werden bei Bedarf geschrieben, Beratung (ggf. Begleitung) zu Ämterentscheidungen. Aber auch kulturelle und Freizeitangebote werden vorgehalten und in der Stadtteilarbeit mitgemischt.

Und natürlich Feste und Aktionen (wichtig für Begegnungen, das Image, Fremdheitsabbau zwischen den verschiedenen Kulturen etc.) Solche Projekte und sozialen Einrichtungen/Treffpunkte fördern das nachbarschaftliche Leben. Fit-Kraftsportraum. (kieser). Erfahrungen: Sport, Kinder, öffentl. Räum.

Doppelnutzung. Räume im doppelten Wortsinn (kurdische Frauengruppen, libanesische, ), Spielfächen, Raum für Kinder, Familien, Rentner im Viertel, Gemeinschaftsräume Engagement!

3. Zentrale Rolle der Sozialen Einrichtungen und ihrer Vernetzung

Der Arbeitskreis Tenever wirkt seit 35 Jahren als Selbstorganisation der sozialen Einrichtungen und Schulen freier und öffentlicher Träger Z ielstellung: Information, Kooperation, sozialpol. Einmischung – Gemeinwesen-Arbeitsprinzip A k Kinder, AK Frauen, AK Beschäftigung, AK Sexueller Missbrauch, AG Jugend

Abschlussbemerkungen

Das Ganze kann man auch so zusammenfassen:

  1. Ernstnehmen der Leute – aller
  2. Rechte geben (Mittelvergabe)
  3. Verändern! (durch Projekte)

Also Tenever ist ein gutes Beispiel für Engagement, lebendige Nachbarschaft und mit seiner Basisdemokratieund dem Stadtumbau sogar bundesweites Modellprojekt. Aber wir wissen: Mit am schädlichsten für die seelische Gesundheit des Gemeinwesens ist Hartz IV! Und Ausgrenzung! Zermürbung durch Arbeitslosigkeit! Deshalb bitte ich Sie, die Erfahrungen aus Tenever durchaus als beeindruckend zu werten, sich mit uns zu freuen über die insbesondere baulichen und städtebaulichen Veränderungen und die Chancen von aktiver Quartiersarbeit, von spannenden (Leuchtturm-) Projekten und einem aktiven Netzwerk. Aber wir sollten dabei nicht vergessen, dass die gesellschaftlichen Probleme der Spaltung der Gesellschaft und der Städte in Arm und Reich nicht durch solche Arbeit kompensiert (geschweige gelöst) werden können. Wir brauchen Arbeit für die Menschen, von der man menschenwürdig leben kann. Wir brauchen Ausbildungsplätze für die Jugend. Wir brauchen ein Schulsystem, das nicht sozial selektiert und ausgrenzt. Wir brauchen ein gesellschaftliches Klima der Solidarität – das jedem eine Perspektive ermöglicht.

Tragen Sie dazu bei! Sie sind systemrelevant – mindestens so wie die Banken, für die innerhalb von 14 Tagen 500 Milliarden € aufgebracht wurden – aber zum sozialen und ökologischen Umbau unserer Gesellschaft fehlt das Geld (nicht erst die letzten 14 Tage).

Bei Bedarf: Was können wir zusammen tun:

  • Besucht Tenever
  • Patenschaften
  • Nachhilfe, finanzieren oder geben
  • Gemeinsam für gesellschaftliche Umgestaltung
Ich schließe deshalb normalerweise mit einer Losung von Johann Gottfried Seume (1763 – 1810):
Heute aber
„Sie fragen nach der Basis. Gut, man könnte sagen, sie ist nicht da. Aber man könnte auch sagen: Die Basis, das sind diejenigen, die es machen.“ Pierre Bourdieu