Armut und Reichtum

„Arme und Reiche sollen zusammen wohnen; der Herr hat sie beide gemacht!“
Prediger Salomonis; 22. Kapitel, 3. Vers

Von der Otto-Brenner-Allee zum Riensberg – und umgekehrt? Verantwortungen und Handlungsoptionen
St. Remberti-Gemeinde Bremen 26.01.2012

Unsere Veranstaltung steht heute unter dem Motto:

„Arme und Reiche sollen zusammen wohnen;
der Herr hat sie beide gemacht!“ Prediger Salomonis; 22. Kapitel, 3. Vers

Als ich vor 30 Jahren mit meiner Frau und drei Kindern in das Bremer Hochhausviertel Tenever zog, geschah das mehr nach dem Motto des Kritikers Karl Kraus:

Was ich von einer Stadt verlange: Licht und eine funktionierende Klospülung – Gemütlich bin ich selbst!
Karl Kraus (1874 – 1936)

Aber selbst das, nämlich ordentliche Wohn- und Wohnumfeldverhältnisse, wurden nicht gewährleistet. Denn in Tenever, von Planern, die die gesellschaftliche Entwicklung nicht richtig antizipiert hatten, als Wohnanlage der Zukunft Anfang der Siebziger Jahre errichtet, wurde schnell klar: „Der Architekt jedoch entfloh / nach Afri- od Americo“
(Christian Morgenstern).

Oder, um mit Zille zu sprechen: „Man kann mit einer Wohnung auch einen Menschen erschlagen“.

Dieses Demonstrativbauvorhaben des Bundes wurde in kürzester Zeit von den Eigentümern und Spekulanten heruntergewirtschaftet. Denn die haben nur an ihre Rendite gedacht. 1000 mal Miete kassiert, aber sonst ist nix passiert - für Instandhaltung, Modernisierung und das Wohnumfeld. Und wer sind, heute kann man glücklicherweise sagen waren diese Eigentümer? Na, da wo Sie versichert sind, Volksfürsorge, Victoria Versicherung, DIA-Fonds und auch die Evangelische Ruhegehaltskasse (damit die Pastoren ne ordentliche Pension bekommen – zugegeben wird, dass diese Ruhegehaltskasse nicht die schlimmsten waren) und schließlich der Beginn der Spekulanten und Geldwäscher, denen schließlich 62% aller Wohnungen in Tenever gehörten. Denn wir haben erlebt, dass mit den elementaren Lebens=Wohninteressen der Mieter Monopoly gespielt wurde. Straßenweise Häuser kaufen und verkaufen, kaufen und verkaufen – und immer seinen Schnitt dabei machen.
So haben wir bitter erfahren, wo wirklich der Hammer hängt. Wer bestimmt – über das „Menschenrecht auf Wohnen“ (UNO, Allgemeine Erklärung der Menschenrechte § 25): mit Schimmel, verlotterten und unwirtlichen Wohnanlagen, ausfallenden Fahrstühlen, stinkenden Treppenhäusern, undichten Fenstern, Schimmel – und keinen Modernisierungen.

Gut dass wir Bremer die Stadtmusikanten haben: Iaah, Iaah; Wow Wow, Miau Miau, Kikeriki, Kikeriki! Esel, Hund, Katze und Hahn bildeten die erste interkulturelle Selbsthilfegruppe, die sich solidarisch für ihre Interessen einsetzte - und so auch die Räuber verjagte. Das haben die Teneveraner beherzigt und Dank der Stadt-Solidarität (Dank auch ihrer Steuern aus Schwachhausen) und der städtischen Gewoba wissen Sie, dass das alte Tenever heute Geschichte ist – die schlimmsten Gebäude mit menschenunwürdigen Wohnbedingungen wurden abgerissen, die anderen so tipp topp saniert, dass es heute Warteschlangen für die Wohnungen gibt. Und eine wunderbare angenehme internationale Atmosphäre. Allerdings haben wir noch zwei einzelne Hochhäuser, Neuwieder Str. 1 und 3, die in den letzten 8 Jahren 5-mal den Eigentümer und 6-mal den Wohnungsverwalter gewechselt haben.
Das sind die Hedge-Fonds, Private Equity etc., die sich in den letzten Jahren gerade auch Kommunales-, Landes- und genossenschaftliches Eigentum unter den Nagel gerissen haben, um es auszuschlachten.
Wir können froh sein, dass wir noch unsere städtische Gewoba haben – und damit ordentliche Wohnverhältnisse garantieren und auch die Stadt- und Quartiersentwicklung positiv gestalten können.

Am Beispiel Tenevers werde ich mich dem heutigen Thema von Armut und Reichtum, von Verantwortung und Handlungsanregungen annähern. Zunächst, wir sind so wie Sie und überall auf der Welt: Wir lachen und weinen, wir lieben und hassen, wir hoffen und verzweifeln, sind apathisch oder voller Power – wir sind wie Sie.

Aber neben der Besonderheit der (Hochhaus-Höhe) sind wir

Jung – wir sind durchschnittlich 11 Jahre jünger im Ortsteil Tenever mit 10.000 Einwohnern (davon im Hochhausviertel ca. 6.000) als Sie im Riensberg mit 47,2. Zum Vergleich: Im Ortsteil Riensberg leben 6.214 Bewohner. 12 % sind unter 18 Jahren; bei uns sind es mehr als doppelt so viel: 25%. Bei uns wächst also die Zukunft Bremens auf - und die Zukunft der Rentenversicherung!

Aber wie inklusiv sind die Kinder wirklich geachteter Bestandteil der Gesellschaft, wenn man an die Armut denkt? Daran ändert auch der neue „Bildungs- und Teilhabe-Gutschein“ nichts: Er stigmatisiert statt inkludiert und frisst einen großen Teil der Mittel und Zeiten für den bürokratischen Aufwand. 145 Euro pro Monat zahlen Teneveraner Eltern für Nachhilfe / Förderung für ihre Kinder – wenn sie eine der Nachhilfe-Einrichtungen buchen.

Das wird nicht gezahlt durch den Teilhabe-Gutschein. Nur wenn die Schule bescheinigt, dass „die Versetzung gefährdet“ ist, können die Betroffenen in Lerngruppen der Schule kostenlos Förderung bekommen (übrigens erhalten die dort beschäftigten Lehrer beschämende Löhne). Aber eben keine Förderung für die, die gerne einen Bildungsaufschwung nehmen wollen.
Immer wieder wird auch auf den Bürokratie-Aufwand verwiesen, der bei für Kitas und sozialen Einrichtungen, Sportvereinen anfällt.

Was Wunder, dass bis heute erst für 60% der Kinder dieser Teilhabe-Gutschein beantragt wurde – das hat System. Man spart – und bringt Kinder um Zukunft.

Übrigens: In der Tenever-zentralen Kita Kinderhafen Kita haben 85 von 110 Kindern ein Anrecht auf die Blaue Karte. Alle potentiellen Antragsteller haben im Kinderhafen eine Karte: 100%!! Das ist Engagement in Tenever.

Ein Zeichen von Inklusion wäre es gewesen, ALG II einfach verfassungsgemäß zu erhöhen Und es ist ein schreckliches Menschenbild, dass sich entlarvt mit dem Nicht-Vertrauen in Eltern und einer zynischen abwertenden Warnung, dass die Eltern das Geld für Handys, Flachbildschirme und Alkohol ausgeben würden.

Es kommt ohnehin verstärkt eine Haltung gegen Arme auf, insbesondere in den Kreisen der „Besserverdienenden“. Laut der Heitmeyer-Studie „Deutsche Zustände“ nimmt die Abwertung von Armen und Langzeitarbeitslosen gerade bei den Besserverdienenden beängstigende Ausmaße an (62%).

Und die 10 Euro pro Monat Teilhabe – Unterstützung ist lächerlich. Da kann man den Vereinsbeitrag gerade für zahlen, aber das Fußball – oder Judo-Trikot geht gar nicht. Und auch der Unterricht für Musikinstrumente – welch ein Segen nicht nur für die kulturelle Bildung– ist davon nicht zu bezahlen: 10 Euro BIT und 10 Monat Eigenbeitrag für die Eltern. Und das Ganze geht eh nur, weil wir an einer unserer Grundschulen eine Stiftung gewonnen haben, die die Violinen zur Verfügung stellt und noch was für den Unterricht drauflegt.

Und wenn es ganz hart kommt (aus etablierten Kreisen) dann heißt es: „die sozial Schwachen“. Bitter – ich verbitte mir die BewohnerInnen benachteiligter Quartiere als „sozial schwach“ zu bezeichnen, so als fehle ihnen die „soziale Ader“.
(Ich widerspreche nicht dem Bedürfnis von Soziologen, Politikern und überhaupt, eine Analyse von Potenzialen und Problemen vorzunehmen.)

Aber „sozial schwach“ sind für mich eher die „Entscheider“, die Reichen, die „Schmarotzer in Nadelstreifen“, die „Eliten“, die ihre Boni erhalten fürs „Betuppen“ bzw. fürs optimale Mitwirken im kapitalistischen Systemzusammenhang – und damit Verantwortung tragen für Massenentlassungen, Löhne, von denen man keine Familie ernähren kann und immer stärker von Teilhabe ausgegrenzt wird, sowie die Verächtlichmachung von Benachteiligten durch Bezichtigung „spätrömischer Dekadenz“. Da fällt mir dann immer wieder nur Tschechows Erkenntnis ein: „Sattheit enthält, wie jede andere Kraft, immer auch ein bestimmtes Maß an Frechheit, und diese äußert sich vor allem darin, dass der Satte dem Hungrigen Lehren erteilt.“
Und sozial schwach sind für mich die Politiker, die mit Hartz IV die soziale Spaltung der Gesellschaft weiter vorantreiben und gleichzeitig durch Steuersenkungsorgien für die Reichen in den letzten 14 Jahren die öffentliche Armut zementiert und verstärkt haben und so die Mittel rauben, die zur Kompensation von Benachteiligung und sozialem und ökologischem Umbau der Gesellschaft dringend gebraucht würden.

Und sozial nicht stark und unsolidarisch verhalten sich schließlich die, die krampfhaft bei den Debatten um Schulreformen ihre bzw. ihrer Kinder Bevorteilung aufrechterhalten wollen (siehe Hamburg oder der starke Anstieg von Privatschulen – Bremen führend als 3. aller Bundesländer - und ideologisch das „Elitegerede“).

Eine weitere Besonderheit Tenevers ist seine Internationalität:
In Tenever leben Menschen aus 90 Nationen, der Migrationsanteil beträgt ca. 65 %, bei Kindern und Jugendlichen über 80%. Auch hier noch mal zum Vergleich Zahlen: 14 % haben im Riensberg einen Migrationshintergrund, wobei auffällig ist, dass mit 154 der Anteil der Aussiedler/innen marginal ist.
Sie sehen schon an diesen Zahlen welch gigantische Integrationsaufgabe und Leistung solche Quartiere wie Tenever, Vahr etc. für die ganze Stadt erfüllen.

Wir fragen in Tenever nicht: „Wer integriert hier wen in was?“ Wir sagen: International ist die Zukunft. Es gibt ein gewöhntes akzeptiertes Neben- und Miteinander. Aber nach wie vor werden den Migranten gleiche Rechte abgesprochen und sie spüren den täglichen Alltagsrassismus.

Ganz aktuell: Wahlrecht für Ausländer. Bremen hat die große Chance Migranten ein Wahlrecht einzuräumen erpasst bei der Verabschiedung des neuen Beirätegesetzes, obwohl solche wie ich, das immer eingefordert haben.
Es ist doch abstrus, dass wir Steuern zahlen, an Hausversammlungen alle gleichberechtigt teilnehmen, in der Stadtteilgruppe Tenever auch Ausländer ihr Vetorecht wie alle anderen Akteure einlegen können, Betriebsräte gemeinsam gewählt werden und Aufsichtsräte auch (und von denen weiß man ja langsam, dass sie „wichtiger“ sind und mehr Macht haben als Politiker). Ich freue mich, dass jetzt über die SPD-Fraktion ein neuer Anlauf eingeleitet wurde, der hoffentlich nicht nur von Grünen und Linken unterstützt wird. Verstanden habe ich nicht, warum eine erneute Differenzierung zwischen EU- und Dritt-Staaten-Bürgern gemacht werden soll, weil es doch wahrscheinlicher ist, dass die Dritt-Staaten-Bürger ihre Einbürgerung im Laufe der Jahre beantragen werden als z.B. Franzosen. Hier haben wir alle noch viel zu leisten im Sinne des Inklusionsgedankens.

Schließlich sind wir arm in Tenever – Das bedeutet ausgegrenzt sein von gesellschaftlicher Teilhabe, von Reichtum und Kultur unserer Gesellschaft (ein Konzert der von mir verehrten Deutschen Kammerphilharmonie oder von Paul Weller kann man sich als armer Mensch nicht leisten); von Bildung (PISA, „Mehr Arbeiterkinder an die Uni“ forderte ein Transparent, das ich 1968 auf der Maidemonstration getragen habe. Leider heute aktuell wieder vorholbar! Solidarität mit Eltern, Schülern und Lehrern die sich für mehr Geld für die Bildung einsetzen) und Gesundheit („früher sterben“ Und höhere Säuglingssterblichkeit, höhere Zahl an Geburten von weniger als 2.500 Gramm, zweimal höhere Mortalitätsrate durch Unfälle, häufiger akute Erkrankungen, Anfälligkeit für chronische Krankheiten).
Die Armut ist das zentrale Problem. 60-80% der Hochhaus-Kinder sind auf Transferleistungen angewiesen (Vergleich: 7 % der Riensberg-Kinder erhalten Hartz IV), und das obgleich die meisten Teneveraner arbeiten; ja sich abrackern, allerdings zu Stundenlöhnen von 4-8 Euro (und Weihnachten hat der christliche Chef noch mal großzügig 25 Euro bar in die Hand gedrückt), so dass man ergänzend noch gedemütigt zum Amt gehen muss („Aufstocker“).

In Deutschland arbeiten rund 5,8 Mio. Beschäftigte für weniger als 8,50 € (davon 1,2 Mio. die nicht einmal 5€ bekommen pro Stunde. Über 1 Mio. in Leiharbeit – Mustafa).

Meine Studenten an der Hochschule Bremen haben im Rahmen ihrer „Aktivierenden Befragung“ in Tenever gerade die so wichtige aber auch aufrührende Erfahrung mit der Situation von Armut und fehlenden Perspektiven gemacht. Und eben auch, dass viele Befragten „sich wie Dreck oder als Nummer vom Jobcenter behandelt fühlen“. Nun, auch ich bin vom Amt und weiß, dass es weniger die Kolleginnen und Kollegen sind, von denen etliche sehr engagiert für die Menschen arbeiten, sondern die Verhältnisse und Vorschriften.

Ich möchte, weil natürlich in unserem Land niemand unter diesen Bedingungen verhungert, in diesem Zusammenhang auf den Skandal des Asylbewerberleistungsgesetzes aufmerksam machen.

Laut Urteil des Bundesverfassungsgerichtes ist allen Menschen ein „menschenwürdiges Existenzminimum“ zu gewährleisten und „alle Aufwendungen nach dem tatsächlichen Bedarf zu bemessen sind“.

Seit 1993 hat sich die Höhe der Leistungen für Asylbewerber nicht geändert; und dass bei 32,5 % Preissteigerung seit dem. Sie erhalten in den ersten 4 Jahren 40,90 € Taschengeld (Geldbetrag zur Befriedigung persönlicher Bedürfnisse des täglichen Lebens) plus Sachleistungen in Höhe von 184,07 € = 224,97 € pro Monat (plus Unterkunft).

Da gibt es dann ab 24. des Monats Fladenbrot mit Paste.
Die Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz sind m.E. verfassungswidrig, weil der Würde des / aller Menschen widersprechend.

Die Armut (auf der einen Seite, und der Reichtum andererseits) führen auch zu dem, was die Sozialwissenschaftler Segregation nennen: Man hat nur wenig Mittel um Miete zu bezahlen als Armer (Wer ist arm? 60 % unter dem Durchschnittseinkommen). Das führt dazu (ergänzt um freiwillige Segregation aus ethnischen oder Lebensstil-Gründen), dass sich Quartiere der Armut und des Reichtums herausbilden. Das ist nichts Neues, aber in unserer Stadt hat sich das in den letzten Jahrzehnten erheblich verstärkt – mit all den Folgen von geringerem materiellen aber auch Bildungs-Selbsthilfepotential in den armen Quartieren – so dass wir heute von einer zunehmenden Spaltung der Gesellschaft und Städte sprechen müssen. Im Übrigen wird das ergänzt durch die Gentrifizierungsprozesse, Verdrängung aus Quartieren durch Aufkaufen und Aufwerten – und die Mieten etc. dann unbezahlbar machen für „breite Schichten der Bevölkerung“ wie das Baugesetzbuch formuliert.

Beleg dafür ist die kürzlich vorgestellte Studie im WK über die Einkommen in den Stadtteilen.

Eine Folge: Es kommt nicht mehr zu Begegnungen der Reichen und Armen (Martin Buber „Alles Wirkliche im Leben ist Begegnung“), es gibt keine Kenntnisse über die jeweiligen Lebensrealitäten. Und auch in den Schulen, wo sich alle treffen sollten, wird das mehr und mehr aufgehoben, weil ja die Armen in ihren Quartieren in die Schulen gehen (müssen) – Fahrscheine sind bei Hartz IV nicht dabei; und dann kommen noch die Privatschulen dazu.

Wenn man sich das bisher Gesagte vor Augen führt, fällt mir gleich Bert Brechts Gedicht ein:

Die große Decke

Der Gouverneur, von mir befragt, was nötig wäre
Den Frierenden in unsrer Stadt zu helfen
Antwortete: Eine Decke, zehntausend Fuß lang
Die die ganzen Vorstädte einfach zudeckt.
Bertolt Brecht (1898 – 1956)

Ich bin froh, dass das nicht geht und wohl auch zunehmend nicht mehr gewollt wird.

Denn in der Tat: Über die sich ausbreitende Armut, insbesondere die Kinderarmut, wurde lange eine Decke gelegt. Kinderarmut wurde verleugnet, wurde individualisiert (Scheidung, Alleinerziehende, „nicht genug Bildung“, „falsche Lebensgestaltung“), den Betroffenen die Schuld in die Schuhe geschoben und in letzter Zeit mit biologistischen und sozialdarwinistischen Positionen (Sarrazin, Heinsohn, aber auch der jetzige Bundesminister Bahr „ Die Falschen bekommen die Kinder“) unterlegt wurde – und damit gerade in betuchteren Kreisen punkteten. (Heitmeyer-Studie: Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit: Ablehnung gerade bei den „Betuchten“ mit Nettoeinkommen über 2.500 €, insbesondere gegenüber dem Islam. Und mehr als die Hälfte der Betuchten beurteilen Langzeitarbeitslose negativ).

Und der WK titelte dann noch zynisch: „Entlassung als Chance begreifen“.

 

Also, kommen wir nun zum Kern:

  1. Was sind die Ursachen?

  2. Gibt es Alternativen?

  3. Was kann man tun?

 

Auch da kann Brecht vielleicht helfen:

 Reicher Mann und armer Mann
Standen da und sahen sich an.
Und der Arme sagte bleich:
Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.

Wir sind ein verdammt reiches Land. Das BIP ist bis auf wenige Ausnahmen jahrzehntelang gestiegen. Die Menschen unseres Landes (und vieler Menschen überall in der Welt – ich lass hier die Hinweise weg auf die weltweit ungerechte Verteilung: alle 5 Sekunden verhungert ein Kind; 47.000 Menschen pro Jahr verhungern; 800 Mio. bzw. eine Mrd. Menschen leiden an Hunger bzw. sind permanent unterernährt) - und die Natur haben diesen Reichtum geschaffen.
Davon könnten wir alle und die ganze Menschheit ordentlich leben.

Aber der Reichtum ist nicht gerecht/menschlich verteilt.

Reden wir also über Geld:

Aber Halt Stop!

Wo Geld ist, da ist der Teufel.
Aber wo kein Geld ist, da ist er zweimal.

Georg Weerth (1822 - 1856)

Ich mache für das Ev. Bildungswerk regelmäßig Bildungsurlaube in Bad Zwischenahn bzw. Cuxhaven; der nächste findet im April und im September statt: „Schmarotzer in Nadelstreifen? – Banken gerettet, Sozialstaat verwettet“

Dort untersuchen wir Herkunft und Verteilung des Reichtums. Und reden auch über die aktuellen Krisen und die damit verbundenen Sorgen. Eine Erkenntnis: Unterscheiden zwischen Einkommen und Vermögen:

Einkommensreichtum:

Haushaltsnettoeinkommen: Die Armen werden mehr - und die Superreichen!

Siehe Statistik 2006 (dieser Prozess hat sich mit der Krise sogar noch deutlich weiter verschärft):

- Das reichste Zehntel bekommt vom Gesamteinkommen 25 % (heute sehr viel mehr), das ärmste Zehntel 2,9 %

- Einkommenskluft steigt in der Bundesrepublik (mehr als sonst in den OECD-Staaten). Die obersten 10 % bekommen mehr als achtmal soviel Einkommen wie die untersten 10 %. Anfang der Neunziger Jahre lag das noch bei „nur“ 6-mal mehr.

- Nettoeinkommen in den letzten 10 Jahren:
überall Minus, insbesondere bei den unteren Zehnteln; bei den oberen 20 % ein Plus vor der Zahl.

Noch weitaus bedeutsamer:

Vermögensreichtum

Die reichsten 10 % besitzen 61,71% des gesamten Vermögens.

Die allerärmsten 10 % haben gar kein Vermögen, sondern Schulden; die Hälfte der Bevölkerung hat kein bzw. minimalstes Vermögen.

0,5 % besitzen ein Viertel des gesamten Geldvermögens -

80% davon sind Männer.

 

Hat man viel, so wird man bald
Noch viel mehr dazubekommen.
Wer nur wenig hat, dem wird
Auch das Wenige genommen.
Heinrich Heine (1797 – 1856)

Das Besondere am Vermögens – und Einkommensreichtum ist: Nicht nur, dass man mehr materielle Mittel hat; Nein: Reichtum ist Macht!! (Wunderbar gerade noch mal vorgeführt bei der Bremer Eiswette mit Herrn Ackermann und dem Springer-Chef Döpfner).

Oder um es mit Warren Buffet auszudrücken

„Das ist hier Klassenkampf, und meine Klasse, die der Reichen, gewinnt.“ Warren Buffet (Multimilliardär und Hauptanteilseigner von Moody’s Rating Agentur)

Von ihm ist ja bekannt, dass sein Steuersatz geringer ist als der seiner Sekretärin.

Das Ergebnis dieser wachsenden Verteilungsungerechtigkeit ist auch:

Privater Reichtum –und öffentliche Armut

Öffentlicher Schuldenstand: ca. 80% des BIP = 2 Billionen €

Privates Vermögen: das Dreifache des BIP = 7,5 Billionen€

Diese ungerechte Verteilung des von der Menschheit geschaffenen Reichtums ist ja kein naturgegebenes Phänomen, sondern von Menschenhand Gemachtes. Man muss also über die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse reden.

In den letzten Jahrzehnten wurden die Einkommenssteuern und die Unternehmenssteuern drastisch gesenkt, die Vermögenssteuer abgeschafft, Leiharbeit ausgeweitet, Hedge-Fonds etc. zugelassen, der Niedriglohnbereich gerade auch mit dem Druck Hartz IV drastisch ausgeweitet, usw. usw., Entsolidarisierung bei der Krankenversicherung

Sozialabbau. Elterngeld für Hartz IV gestrichen, Zuschlag beim Übergang von ALG I zu ALGII gestrichen, Rentenbeitrag flöten.

Oder um ein klitzekleines aktuelles Beispiel zu erwähnen: In Bremen-Nord ist jetzt im städtischen Klinikum eine „Hotelabteilung“ geschaffen worden. Zwei-Klassen – Medizin und Gesellschaft.

Die Armen sind ein gemeinsames Volk, aber die Reichen nicht. Da ist jeder für sich, und nur dann sind sie gemeinsam, wenn sie eine Beute teilen auf Kosten des Volkes. Bettina von Arnim (1785 – 1831)

Aktuelle Krisenursachen

Dazu verweise ich auf die Bildungsurlaube, in denen dieser fragestellung umfassend nachgegangen wird.

„Der letzte Grund aller wirklichen Krisen bleibt immer die Armut und Konsumtionsbeschränkung der Massen gegenüber dem Trieb der kapitalistischen Produktion, die Produktivkräfte so zu entwickeln, als ob nur die absolute Konsumtionsfähigkeit der Gesellschaft ihre Grenze bilde.“

 Karl Marx (1818 – 1883), Das Kapital, Band 3 (MEW Band 25; Seite 501)

 

Gibt es Alternativen gegen TINA („There is no alternative“, Maggie Thatcher, und heute Angela Merkel).

Dass es welche geben muss, hat ja auch heute im Weser-Kurier gestanden: Verunsicherung, Verzweiflung und „Burn-out“ bei dem Reichen (und Mächtigen) - Kongress in Davos (Weltwirtschaftstreffen).

Gibt es Alternativen gegen TINA??

(Dass es welche geben muss konnte man ja der allgemeinen Presse und ihrer Berichterstattung über das Davoser Weltwirtschaftstreffen entnehmen: Verunsicherung, Verzweiflung und Burn-out bei dem Reichen-Kongress in Davos (Weltwirtschaftstreffen) )

 

ALTERNATIVE: Umverteilung einmal andersrum, von oben nach unten, und zwar nicht sanft.

Statt flächendeckender „Vertafelung“ – flächendeckender Mindestlohn“ (8,50 reichen da im Übrigen nicht, aber wären ein Start)

Statt vom Sozialstaat zum Suppenküchenstaat – Ausbau des Sozialstaats (und eines umweltschonenderen).

Finanziert aus den größeren Einkommen und Vermögen.

Unsere Millionäre sind immer mehr geworden. Ca. 1 Mio. trotz Krise.

Also Vermögenssteuer wieder einführen – und nicht zu bescheiden

Spitzensteuersatz wieder deutlich anheben. Ja, ich bin für gnadenlose Höchstbesteuerung.
Ich selber erhalte monatlich 1.800 € in der passiven Altersteilzeit.

Auch von mir aus mich höher besteuern, obwohl viele von Ihnen über dieses Monatseinkommen wohl nur lächeln (in der Tat, „verdient“ hätte ich mehr!)

Das nötige Geld kann man nur durch eine sehr viel höhere Besteuerung der Reichen und Superreichen und der transnationalen Konzerne mit ihren Supergewinnen erreichen. Es gibt doch weder eine wirtschaftliche noch moralische Rechtfertigung, dass der Porsche-Chef
50 Mio. € im Jahr verdient - und unseren Kindern, in Tenever 60% die unter Armutsbedingungen aufwachsen, kaum Teilhabe am gesellschaftlichen und kulturellen Reichtum unseres Landes möglich ist.

Die DAX-Unternehmenschefs haben in den letzten 15 Jahren ihre Bezüge verdoppelt / Reale Lohneinkommen in den letzten 10 Jahren ein deutliches MINUS!

Solidarpakt einmal anders: Alles was über 100.000 € verdient: SolidarSteuer drauf.

Finanztransaktionssteuer!!!

Wenn die Banken so systemrelevant sind, dann sollte man sie vergesellschaften (Brecht: „Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer solchen“)

Erbschaftssteuer. Nein, ich will nicht ihr Haus den Kindern wegnehmen; aber wir perpetuieren doch die strukturelle Ungleichgewichtigkeit.

Als Kind bin ich doch durch nichts berechtigt (Goethe „Erwirb es um es zu besitzen“) Millionensummen und Grundstücke zu erben. Geleistet habe ich dafür nichts.

Lohnerhöhungen (das stärkt auch die Massenkaufkraft als Konjunkturhilfe)

Handlungsoptionen

Als „bewohnerbeteiliger“ habe ich es auch diesmal wieder so gemacht, dass ich einige Teneveraner/innen und weitere befragt habe, was ich sagen soll, wenn ich in die „reiche“ St. Remberti-Gemeinde gehe:

„die sollen uns was spenden“, „Projekte unterstützen“, „Mehr Steuern zahlen“, „Die Kirchen sollen, was sie vom Staat erhalten, auf ein Sonderkonto zur Umverteilung überführen“, „Frage die doch selbst“.

 

Aber ich bin bescheidener; ich fange nicht mit Spenden sammeln an.

Also (Hinweis auf den ausgeteilten Zettel „Was tue ich gegen die Spaltung der Stadt“. Anonym abgeben beim Pastor, damit man erst mal so weiß, was die Gemeindemitglieder schon alles so machen – und darauf auch stolz sein).

 

  • Das Wichtigste scheint mir, dass die Realitäten der ungerechten Verteilung zur Kenntnis genommen werden.

  • Dass man sich damit nicht abfinden will, nicht als Mensch, als Christ und nicht als Gemeinde

  • Dass man Stellung bezieht gegen Benachteiligung (gegen die materielle und auch die ideelle im Sinne der Abwertung und Stigmatisierung) und sich individuell und / oder kollektiv einmischt.

  • Und nun Spenden: das machen Sie eh – mehr kann dienen. Da gibt es ja in der Bibel genügend Hinweise, aber auch im Koran (Sure 2.271 „Wenn ihr Almosen öffentlich gebt, so ist’s schön, und so ihr sie verbergt und sie den Armen gebt, so ist’s besser für euch und sühnt eure Missetaten. Und Allah kennt euer Tun.“)

Aber berücksichtigen Sie:

  Die Nachtlager


Ich höre, dass in New York

An der Ecke der 26. Straße und des Broadway

Während der Wintermonate jeden Abend ein Mann steht

Und den Obdachlosen, die sich ansammeln

Durch Bitten an Vorübergehende ein Nachtlager verschafft.

 

Die Welt wird dadurch nicht anders

Die Beziehungen zwischen den Menschen bessern sich nicht

Das Zeitalter der Ausbeutung wird dadurch nicht verkürzt

Aber einige Männer haben ein Nachtlager

Der Wind wird von ihnen eine Nacht lang abgehalten

Der ihnen zugedachte Schnee fällt auf die Straße.

 

Leg das Buch nicht nieder, der du das liesest, Mensch.

 

Einige Menschen haben ein Nachtlager

Der Wind wird von ihnen eine Nacht lang abgehalten

Der ihnen zugedachte Schnee fällt auf die Straße

Aber die Welt wird dadurch nicht anders

Die Beziehungen zwischen den Menschen bessern sich

dadurch nicht

Das Zeitalter der Ausbeutung wird dadurch nicht verkürzt.

Bertolt Brecht (geschrieben 1931)

  • Spenden HELFEN! Aber sie beseitigen in der Regel nicht die Ursachen der Armut, des Problems (Jacobs spendete 200 Mio. Euro für die Privatuniversität in Bremen – Warum hat der soviel Geld, warum haben wir das nicht vorher besteuert. Und was ist mit der Demokratie? Wer entscheidet, was wie gefördert wird; (siehe auch Sloterdijk, der die Steuern gleich ganz abschaffen will, und es den Reichen überlassen will, was sie geben und wofür)

  • Rolle des Öffentlichen! (Kinderbauernhof etc. nur möglich durch Spenden und arbeitsmarktpoltische Ausbeuter- und Lohndrücker Programme), Gegen Privatisierung!

  • „Bildung ist der Weg aus der Armut!“ JA! Aber gleichzeitig ein Bildungswesen, das munter mit bis zur „Weltmeisterschaft der sozialen Selektion“ weitermacht (PISA).
    Trotzdem: Mentoren und Bildungsförderung, Hausaufgabenhilfe mitmachen, Lesestunden, freiwilliges Engagement

  • Leserbriefe

  • Mentoring bei ALZ Tenever, Helfen bei Steuern, Behördengängen, Hilfe beim Selbständig-Machen

  • Tax me – Initiative / Trump 50 / 50 % für UNO-Beitrag

  • Kindergeld Steuerfreibetrag auf 7008 € heraufgesetzt - Elterngeld für Hartz IV gestrichen.
    Familien mit höherem Einkommen erhalten Dank des Freibetrages bis zu 40 % mehr Kindergeld als Normal- oder Geringverdiener. Deutsche Kindergeld-Stiftung: Verbinden ihr Spendentum mit pol. Forderung. Sympathisch.

  • „Seitenwechsel“ (Einladung nach Tenever bzw. Vahr)

  • Und überhaupt – Das ist doch Klasse, dass Sie sich auf den Weg gemacht haben. Patenschaft / Partnerschaft mit HeiliggeistGemeinde. Machen Sie das weiter!

 

 

Der Staat sollte vorzüglich für die Ärmeren sorgen,

die Reichen sorgen leider nur zu sehr für sich selbst.

 

Johann Gottfried Seume (1763 – 1810)

Schlusswort zum Nachdenken:
Brecht „Fahrend in einem bequemen Wagen“

 

Fahrend in einem bequemen Wagen

 

Fahrend in einem bequemen Wagen

Auf einer regnerischen Landstraße

Sahen wir einen zerlumpten Menschen bei Nachtanbruch

Der uns winkte, ihn mitzunehmen, sich tief verbeugend.

Wir hatten ein Dach und wir hatten Platz und wir fuhren vorüber

Und wir hörten mich sagen, mit einer grämlichen Stimme: Nein

Wir können niemand mitnehmen.
Wir waren schon weit voraus, einen Tagesmarsch vielleicht

Als ich plötzlich erschrak über diese meine Stimme

Dies mein Verhalten und diese

Ganze Welt

 

Bertolt Brecht (1898 – 1956)