Ein Jahr Altersteilzeit rum – Was ich mache und eine Wanderung!

Wer geht, sieht im Durchschnitt anthropologisch und kosmisch mehr, als wer fährt.

Nun habe ich ein Jahr der passiven Altersteilzeit rum – hei, geht das schnell. Mein Leben ist etwas ruhiger (weniger hektisch) und „freiwilliger“ geworden.
Zwar stehe ich – aus Solidarität und „Carpe diem“ - jeden Morgen mit Anne um 06:15 Uhr auf (auf dass das Familienleben nicht zerleppert), aber während sie früh in die Kita Kinderhafen fährt, habe ich erstmal Zeit für Zeitungen und Abwasch.

Und eben viel Zeit für ehrenamtliches Engagement und Einmischen:

  • Jeden Montag fahre ich für 8 Stunden mit in die Kita Kinderhafen in Tenever und arbeite ehrenamtlich in der Leuchtturmgruppe mit (1-6jährige); und begleite 20 Kinder zur Halle für Bewegung – und tobe mit!
    Es bringt mir große Freude: eine schöne Arbeit, aber meine bisher anstrengendste Arbeit. Bitter, wie wenig Gehalt die Erzieher/innen für ihre wichtige und verantwortungsvolle Arbeit erhalten.

  • Im Wintersemester immer als Lehrbeauftragter der Hochschule Bremen aktiv. Vorlesungen und Seminare und Praxis im 3. Semester: Soziale Arbeit, Gemeinwesenarbeit.

  • Und überhaupt: Viele Vorträge und Seminare und Bildungsurlaubsseminare; in ganz Deutschland, in Bremen, und die Führungen in Tenever.
    Schwerpunktthemen: Der Stadtumbau in Tenever, Spaltung der Gesellschaft und Städte in Arm und Reich, Bewohner/innenbeteiligung, Inklusion (kommunal und gesamtgesellschaftlich, Internationales Zusammenleben; gegen Rassismus

  • Unterstützung von Initiativen (z.B. für Flüchtlinge) und Vereinen (Mitarbeit im SoVD)

  • Und seit Beginn 2012 aktiv im mit initiierten „Aktionsbündnis gegen Wohnungsnot Bremen – für das Menschenrecht auf Wohnen“.

Aber den Juni 2012 hatte ich mir langfristig freigehalten. Denn nach einem Vortrag in Kaiserslautern habe ich mich auf eine fast dreiwöchige Einzel-Wanderung begeben. Die hatte ich mir schon vor 10 Jahren für die „Rentner-Zeit“ vorgenommen. Nun war es soweit; aber – siehe oben – keine Zeit für Vorbereitung.
Allerdings habe ich einen Probelauf von meiner Wohnung in Bremen-Nord nach Tenever (übrigens immer nur am Deich von Weser, Lesum, Wümme längs) absolviert: 37,5 km.
Das war Klasse; ging flott; aber ich hatte anschließend auch vier riesige Blasen unter den Füßen.
Insofern habe ich mich doch noch vorbereitet, in dem ich mir schnell Wanderschuhe besorgt habe; und mir auch ein Handy gekauft habe.
Aber das wurde gleich nach der Wanderung wieder ausgeschaltet und liegt in der Schublade. Da liegt jetzt auch der Jugendherbergsausweis.

Die Wanderung war gut! Von Kaiserslautern ging es zunächst durch den Pfälzer Wald, dann über die Weinberge an Nahe und Rhein. Rauf auf den Taunus und wieder runter an den Main. Vor dort nach Frankfurt mit Ruhetag. Und dann über Gießen nach Marburg und Siegen

Eine etwas zu leistungsorientierte Wanderung; zu wenig Muße habe ich mir erlaubt.
Aber alles gut.
Ich hätte mich gefreut auf mehr Einzelwanderer zu stoßen; aber einige interessante Persönlichkeiten habe ich kennengelernt.

Passend dazu ein Gedicht von Johann Gottfried Seume (1763 – 1810), den ich ja sonst meistens zum Ende meiner Referate mit dem klugen Gedanken zitiere:

„Der Staat sollte vorzüglich für die Ärmeren sorgen, die Reichen sorgen leider nur zu sehr für sich selbst.“

 

Ich halte den Gang
für das Ehrenvollste und Selbständigste in dem Manne
und bin der Meinung,
dass alles besser gehen würde, wenn man ginge.

Mann kann fast überall bloß deswegen nicht recht auf die Beine kommen
und auf den Beinen bleiben,
weil man zu viel fährt.
Wer zu viel in dem Wagen sitzt,
mit dem kann es nicht ordentlich gehen.
Wo alles zu viel fährt, geht alles sehr schlecht,
man sehe sich nur um!
Sowie man im Wagen sitzt,
hat man sich sogleich einige Grade von der ursprünglichen Humanität entfernt.
Man kann niemand mehr fest und rein ins Angesicht sehen,
wie man soll;
Man tut notwendig zu viel
Oder zu wenig.

Fahren zeigt Ohnmacht, Gehen Kraft.
Schon deswegen
wünschte ich nur selten zu fahren,
und weil ich aus dem Wagen
keinen Armen so bequem und freundlich einen Groschen geben kann.
Wenn ich nicht mehr zuweilen einem Armen einen Groschen geben kann,
so lasse mich das Schicksal nicht länger mehr leben.

Aus der Vorrede zur Reisebeschreibung „Mein Sommer 1805“ von Johann Gottfried Seume